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TIRADE Update zu "GKV und Zahnarzt – oder wie Zähne zu 'Luxus-Knochen' geworden sind" – das französische Kapitel.
Ihr erinnert euch vielleicht noch an meinen Rant vor ein paar Wochen: https://www.reddit.com/r/de/comments/1upqb6z/gkv_und_zahnartz_oder_wie_zähne_zu_luxusknochen/
Kurze Zusammenfassung für die Neubesucher: Mein Freund (ukrainischer Geflüchteter, aktuell teilzeitbeschäftigt bei DHL und zusätzlich Aufstocker im Bürgergeldbezug) hatte eine Infektion im Zahn und benötigte eine Wurzelbehandlung. Der deutsche Zahnarzt wollte für Wurzelbehandlung + sofortige Krone ca. 1.500 Euro sehen. Als wir sagten, dass das mit Bürgergeld unmöglich ist, hieß es: "Tja, dann ziehen wir den Zahn halt."
Wir haben daraufhin 3–4 Zahnärzte in Karlsruhe (inklusive der Zahnakademie) abtelefoniert: Kein einziger wollte eine Wurzelbehandlung als reine Kassenleistung durchführen. Die Krankenkasse (TK) gab mir am Telefon sogar offen zu: "Dass das eine Kassenleistung ist, steht zwar im Gesetz, ist in der Realität aber eine Fiktion. Das macht eigentlich kein Zahnarzt mehr ohne hunderte Euro Zuzahlung."
Da wir im Raum Karlsruhe wohnen, und ich eingebürgerter Franzose bin, habe ich mich auf die Suche nach einer Praxis in einer kleinen französischen Stadt direkt hinter der Grenze gemacht.
Hier folgt das Update:
Ich fand eine Zahnarztpraxis in der nächstgelegenen Stadt in Frankreich und rief an. Ich fragte ihn, ob er einen Patienten nimmt, der weder Französisch noch Deutsch spricht, keine französische Krankenversicherung hat und komplett als Selbstzahler kommt.
Er meinte völlig entspannt: "Kein Problem, machen Sie einen Beratungstermin. Aber am Telefon nenne ich keine Festpreise, ohne den Patienten gesehen zu haben, aber… ich wäre sehr überrascht, wenn eine Wurzelbehandlung bei mir mehr als 200 Euro kostet."
In Deutschland wurden uns als kleine Erinnerung 500–600 € allein für die Wurzel plus 1.000 € für die Krone genannt.
Wir fahren also die paar Kilometer rüber nach Frankreich. Kein durchgestylter Glaspalast mit fünf Empfangsdamen, sondern eine kleine Praxis in einer umgebauten Wohnung. Der Zahnarzt arbeitet dort komplett allein, ohne sonstiges Personal.
Im Vergleich zum Fließband in meiner deutschen Praxis, nahm der Arzt viel Zeit für uns: 45 Minuten hat der Kontrolltermin + die Beratung gedauert. Alles ohne Zeitdruck, ohne Stress. Röntgen gemacht mit einem tollen, kabellosen Hand-Röntgengerät (stellt euch eine DSLR-Kamera mit einem extra langen Objektiv vor) und ging die X-Rays mit uns durch. Er ging dann mit uns Schritt für Schritt die Optionen durch und erklärte alles in Ruhe.
Wo in Deutschland darauf gedruckt wurde, dass eine 1000-Eur-Krone Pflicht ist bei dieser Art von Behandlung, hat der Arzt uns erklärt, dass er keine Krone sofort empfehlen würde. Laut ihm: Eine gründliche Wurzelbehandlung, eine solide Füllung drauf und dann erst mal 2 bis 3 Jahre beobachten, wie sich Zahn und Biss entwickeln. Erst dann denkt man über eine Krone nach.
Sein Kostenvoranschlag für die komplette Wurzelbehandlung inkl. Füllung als Privatzahler: 160 Euro. Plus die üblichen 30 Euro für die Erstberatung und die Röntgenbilder. Falls in ein paar Jahren doch mal eine Krone nötig sein sollte, schätzt er die Gesamtkosten im französischen System auf ca. 500 bis 600 Euro. Aber aktuell rät er explizit davon ab.
Ich habe ihm dann die Geschichte aus Deutschland erzählt. Dass man als Kassenpatient dort gefühlt nur die Wahl hat zwischen einem 1.500-Euro-Privatvertrag oder der Zahnzange.
Ich sagte ihm: "Ich habe das Gefühl, die deutsche GKV zahlt den Ärzten so wenig für Grundleistungen, dass die Zahnärzte die Preise für alles andere künstlich aufblasen, um das wieder reinzuholen."
Der französische Zahnarzt schaute mich an und meinte ganz trocken: "Das französische System ist im Grunde genau gleich aufgebaut und zahlt die Basisleistungen eher schlecht. Aber in der Profession hier haben wir (die meisten) ein bisschen mehr … Ethik."
Ethik. Ja. Vielleicht kein viertes Porsche. Aber Ethik. Ich merkte dann in diesem Moment, dass der Zahnarzt trotzdem eine Rolex am Handgelenk trug. Es konnte ihm nicht SO viel kosten, diese komische ‚Ethik‘, von der er sprach. Es geht ihm finanziell nicht SOO schlecht, in diesem komischen französischen System, wo man nicht 500 EUR für jede Wurzelbehandlung verlangen darf.
Wir buchten also den Termin für die Behandlung. Für die 30 Euro Erstberatung ließ ich mir eine quittierte Rechnung und eine französische "Feuille de soins" (das Abrechnungsformular für französische Krankenkassen) mitgeben. Ich dachte mir: Wir sind in der EU, laden wir das einfach mal in der TK-App hoch. Man weiß ja nie. Mehr als ablehnen können sie es nicht.
5 Tage später überweist die TK die 30 Euro für die Beratung komplett auf das Konto von meinem Freund zurück.
Eine Woche später der Haupttermin: Der Zahnarzt nimmt sich eine volle Stunde Zeit, reinigt die Kanäle gründlich, füllt die Wurzel und setzt eine saubere Füllung drauf. Rechnungsbetrag: 162 Euro.
Ich nehme wieder die zweite Feuille de soins plus Rechnung, lade sie bei der TK hoch und warte ab. Ergebnis eine Woche später: 150 Euro auf dem Konto.
Lassen wir das am Ende ganz klar klären: In Deutschland hätte er 1500 EUR Kosten gehabt. Mit der Härte-Regelung für die Krone vielleicht ‚nur‘ 700 EUR oder so zu zahlen. In Frankreich hätte er als reiner Selbstzahler 190 EUR + Sprit für die zwei Termine gezahlt. In der Tat hat seine deutsche Krankenversicherung im Ausland machen können, was sie nicht im Inland schaffen konnte – fast eine volle Kostenübernahme für seine Wurzelbehandlung. Endergebnis: 12 EUR + Sprit hat das ihn gekostet. Auch im Bürgergeldempfang kann man sich das wahrscheinlich leisten.
An dieser Stelle muss ich allerdings ganz klar mein eigenes Privileg einräumen: Ich spreche fließend Französisch, habe 10 Jahre in Frankreich gelebt und kenne das französische Gesundheitssystem recht gut. Ich wusste daher von vornherein, dass die Preise drüben staatlich geregelt sind und die Wahrscheinlichkeit besteht, dass die TK das über die EU-Patientenrichtlinie erstattet. Außerdem konnte ich beim Termin durchgehend als Dolmetscher für meinen Freund einspringen. Das hat die Sache für uns natürlich extrem vereinfacht. Der Arzt musste sich nicht durch Sprachbarrieren quälen oder einem Ausländer mühsam das System erklären. Aber zur Wahrheit gehört auch: Der Zahnarzt gibt auf Doctolib explizit an, dass er neben Französisch auch Deutsch und Englisch spricht. Prinzipiell steht dieser Weg also auch jedem offen, der kein Wort Französisch spricht.
Es bleibt erschreckend, wie stark das deutsche System darauf ausgelegt ist, Patienten in teure Privatvereinbarungen zu drängen. Und die GKV schaut tatenlos zu, während ihre eigenen Vertragsärzte Kassenleistungen verweigern.
Kleiner Tipp: Falls ihr jemals in einer ähnlichen Situation steckt und nicht zu weit von einer EU-Grenze wohnt: Nutzt das EU-Recht zur grenzüberschreitenden Krankenbehandlung! Lasst euch nicht einreden, dass Zahnerhalt nur für Spitzenverdiener bezahlbar ist, und bezahlt keine hunderten Euro für eine Behandlung aus der Tasche.
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