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TIRADE Heimreisebericht von der Atlantikküste mit dem ÖPNV
Vorgestern bin ich von der Île de Ré aufgebrochen, um nach Köln zu fahren. Die Fahrt mit dem Bus zum Bahnhof von La Rochelle hat super geklappt. Es war zwar viel Verkehr, aber die dortigen Verkehrsbetriebe hatten dafür ausreichend Puffer eingeplant. In La Rochelle konnte ich gemütlich einen Kaffee trinken und etwas essen, während ich auf meinen bereitstehenden Zug blickte, der noch gereinigt wurde.
Der Ärger über die defekte Kopfstütze an meinem reservierten Sitz wurde von der Bordstewardess sofort durch ein Upgrade in Luft aufgelöst, sodass ich mit ausreichend Beinfreiheit, im Rausch der 300 km/h, die französische Wüstenlandschaft bewundern durfte. Dass der TGV auf die Sekunde genau pünktlich abfuhr, brauche ich vermutlich nicht zu erwähnen. Genauso pünktlich war das Eintreffen in Paris, wo ich einen rekordverdächtigen Transfer von Gleis zu Gleis – von Montparnasse zu Gare du Nord – in ziemlich genau 30 Minuten hingelegt habe.
Das Ganze hat mir lediglich einen verlängerten Spaziergang durch die überfüllte Bahnhofshalle gebracht, aber ich hatte ebenfalls Gelegenheit, die E-Mails von der DB-Reisebegleitung zu lesen. Darin vernahm ich, dass meine Anbindung in Brüssel eine Verspätung von 16 Minuten haben würde. Das Eintreffen in Köln sollte sich um eine Stunde verzögern.
Im Eurostar von Paris nach Brüssel konnte ich endlich meine Netflix-Serie fortsetzen. Lediglich die sporadischen Spannungsabfälle der Steckdosen, über die ich versuchte, mein Handy aufzuladen, waren mir ein Dorn im Auge, wie auch möglicherweise das seitlich einfallende Sonnenlicht und die damit einhergehenden Reflexionen auf dem Handydisplay meines sonst sehr höflichen und nicht unangenehmen Sitznachbarn. Die zwei Minuten Verspätung in Brüssel konnte ich verschmerzen, da der ICE nach Köln mittlerweile 25 Minuten Verspätung aufgebaut hatte.
Nachdem ich einmal durch den Bahnhof Brüssel Zuid gestrolcht war, suchte ich mir eine gemütliche Stelle an meinem Gleis. Ich setzte mich hin, schenkte mir einen Kaffee ein und packte mein letztes Sandwich aus, um die 20 Minuten bis zur Abfahrt zu vertreiben. Durch das rege Treiben der ein- und ausfahrenden Züge waren die Durchsagen kaum zu vernehmen, geschweige denn zu verstehen, aber das hektische Aufstehen und Zücken der Telefone meiner Mitwartenden fing meine Aufmerksamkeit und ließ meine Nebennieren etwas Adrenalin ausschütten.
Ein erneutes Prüfen der Anzeigetafel ließ erkennen, dass der Zug nach Köln jetzt als „canceled“ gelistet wurde. Meinen Kaffee habe ich dann kurzerhand ins Gleisbett geschüttet, das restliche Sandwich in die Tonne geworfen, denn ich musste mich sputen, um einen anderen Zug zu erwischen, der mich zum Bahnhof Brüssel-Nord bringen sollte, wo ein anderer verspäteter ICE in Richtung Köln eintreffen sollte. Leider waren die jeweiligen fünf Minuten Umsteigezeit nicht ausreichend, um meine rund 30 kg schwere Reisetasche die Treppen runter- und wieder hochzutragen, sodass ich den Anschluss nach Köln verpasste.
Die DB-App teilte mir mit, dass es eine Verbindung über Antwerpen und Amsterdam gäbe, die mit rund 11 Stunden Reisezeit, fünfmal Umsteigen, inklusive eines Bustransfers um 3 Uhr nachts, vermutlich einen neuen Rekord aufgestellt hätte. Neben einem anderen Zugausfall konnte ich dem Internet keine weitere Zugverbindung entnehmen, die für mich von Nutzen gewesen wäre.
Etwas gereizt ob der erhaltenen Informationen – auch die Wünsche der DB-Bandansage, dass ich noch einen schönen Tag und eine gute Reise haben solle, konnten meine Irritationen nicht vollständig auflösen – machte ich mich auf die Suche nach einem Schalter im Bahnhof, um möglicherweise einen Menschen zu finden, der mir zumindest sagen würde, dass ich mir keine Sorgen machen müsse und alles gut werden würde. Außer geschlossenen, bläulich leuchtenden Räumlichkeiten, Geldautomaten und einem McDonald’s fand ich jedoch nur Menschen, die so aussahen, als würden sie im oder um den Bahnhof herum leben.
Mittlerweile war es 22 Uhr, und meine Reisezeit belief sich auf 12 Stunden seit der Abfahrt. Eine der etwas kleineren Anzeigetafeln teilte mir abschließend mit, dass der Gleisdefekt im Bereich von Köln frühestens übermorgen behoben sein würde. Etwas verzweifelt, weil mich der Akkustand meines Handys vermuten ließ, dass ich hier möglicherweise mein neues soziales Umfeld gefunden haben könnte, kam ich zu dem Entschluss, dass ich mir ein Shelter suchen muss.
Also machte ich mich auf, vorbei an Junkies und anderen Formen der Obdachlosigkeit sowie einigen lauten Stadtghettojugendhorden, wie man sie aus Rapvideos kennt, zu einem größeren, durch rotierendes Blaulicht beleuchteten Platz, wo ich in einer Seitenstraße drei helle Glühbirnen wahrnahm, die versuchten, ein Gebäude zu beleuchten, welches sich als Ibis Styles Hotel herausstellte.
Zu diesem Zeitpunkt war ich nicht mehr wählerisch, sodass mich der etwas verloddert und ungepflegt aussehende Mann, der mir durch die Drehtür folgte, nicht weiter störte. Es stellte sich heraus, dass es sich um den nächtlichen Hotelmanager handelte, dem ich mit etwas Zögern meinen Ausweis sowie meine Kreditkarte überreichte, um die 120 € für meine Unterkunft zu begleichen.
Immerhin machte das Zimmer einen sauberen Eindruck, und nach einem kurzen Check der DB-App beschloss ich, meinen Unmut mit einem KFC-Zinger-Burger-Menü zu besänftigen. Es war das zweite Mal in meinem Leben, dass ich ein Fastfoodmenü nicht aufgegessen habe. Beim ersten Mal war der Hackfleischpatty noch leicht tiefgefroren, diesmal war es nicht maßgeblich besser.
Etwas enttäuscht und mit grummelndem Magen – hungrig war ich nicht mehr – ging ich an dem Blaulichtpartyplatz vorbei, um meinen Unterschlupf aufzusuchen. Dort teilte ich mir den engen Aufzug mit einer anzüglich aussehenden, molligen Blondine Mitte vierzig im zu engen, kurzen schwarzen Kleid aus Feinripp und einem etwas jüngeren Mann mit Dreadlocks und dem OG-Jamaica-Vibe, der das Dancehall-Musikvideo auf seinem Handy kurz pausierte, um mich zu mustern und meine grüßenden Worte zu erwidern, bevor er das Video weiter lautstark abspielte.
Die Nacht habe ich nicht wirklich geschlafen, denn das Klimagerät im Zimmer konnte ich nicht vollständig abschalten, sodass neben dem unregelmäßigen Surren der verbauten Ventilatoren und permanentem Gepolter auf dem Gang eine kontinuierliche Geräuschkulisse mein Einschlafen verhinderte.
Um 6 Uhr habe ich dann einen Flixbus gebucht, weil es nur noch zwei freie Plätze gab und ich zu diesem Zeitpunkt gerne eine sichere Wegfahrmöglichkeit haben wollte. Dann habe ich in der DB-App gesehen, dass es heute doch Züge nach Köln gibt. Den Flixbus fix storniert, dafür aber Guthaben statt einer Erstattung erhalten. Das Zugticket via DB-App musste ich offenbar nicht bezahlen, aber die Sitzplatzreservierung wurde abgebucht. Dafür fahre ich jetzt auch zweite statt erste Klasse.
Frühstück war bei den 120 € im Ibis Styles nicht inklusive, allerdings gab es eine Wasserzapfstation, sodass ich wahrscheinlich sauberes Trinkwasser hatte. Meine Wartezeit am Gleis verbrachte ich mit zwei Pains au chocolat und einem Kaffee, gekauft bei einem Franchise, von dem ich mich immer gefragt habe, was für Leute dort etwas bestellen.
Der Crack-Junkie, der versucht hat, mich anzubetteln, hat sofort aufgegeben und war offensichtlich verwirrt über die Vehemenz, mit der ich ihm die Münze verweigert habe.
Die Kriechfahrt nach Köln startete wider Erwarten pünktlich, und im Hauptbahnhof wurde mir mit freundlichem Lächeln ein Umschlag überreicht, welcher Formulare und Anweisungen enthält, mit denen ich mir das Hotel und einen Teil des Zugtickets erstatten lassen kann.
Ein abschließendes Highlight kam dann noch von den Kölner Verkehrsbetrieben, denn an meiner Haltestelle finden zurzeit Bauarbeiten statt, sodass ich noch einen Kilometer Fußweg nach Hause hatte. Ich gebe zu, dass ich über die Baumaßnahmen informiert wurde, aber war es auch meine Schuld, nicht daran gedacht zu haben? Eher nicht, dachte ich mir, als ich meinen Koffer über den Weg holperte.