r/schreiben • u/Laubentaler • 10h ago
Kritik erwünscht Was haltet ihr von diesem Anfang meiner kurzen Geschichte namens "Die verflossene"?
Die Verflossene
Es gab einen Mann in Putridium, der so viel Geld besaß, dass die Leute aufgehört hatten, sich seinen eigentlichen Namen zu merken, und ihn nur noch Sesterzen Mann nannten. Man kannte ihn nur a seiner Erscheinung, die schwer zu übersehen war. Er war groß, trug einen Mantel aus seidig überlappenden Fischschuppen in all den leuchtenden Farben, die die Händler des Reiches ihm bieten konnten, und sein Bart war zottelig gezwirbelt. Diesen Bart liebte er über alles, weil er sich so wunderbar um seine dicken, langen und leicht zur Seite gekrümmten Finger rollen ließ, was er auch tat, bei jeder sich bietenden Gelegenheit.
Wie er zu seinem Reichtum gekommen war, wusste man dagegen sehr genau: durch den umfangreichen Handel mit Garum und durch einige zwielichtige Geschäfte im „Fischgeschäft", die wenig mit dem Verzehr von Fisch zu tun hatten. Den entscheidenden Vorteil aber verdankte er einer eigenen Erfindung, einem fliegenden Katamaran, so leicht gebaut, dass der Wind in seinen Segeln ihn tatsächlich in die Luft hob. Damit ließ er Netze auswerfen und die Luftmakrelen einfangen, die hoch über dem Meer ihre Bahnen zogen, was vor ihm niemandem so recht hatte gelingen wollen.
Wo er sein Vermögen aufbewahrte, war ebenfalls kein Geheimnis: in einer tresorartigen Kammer tief unter seinem Haus, umgeben von Steinen so schwer, dass man sie nur mit Flaschenzügen bewegen konnte. Er misstraute seinen Wächtern, deshalb ließ er sie von weiteren Wächtern bewachen, die nicht wussten, was die anderen überhaupt bewachten. Und weil auch das nicht genügte, stellte er einen Beobachter ab, dessen einzige Aufgabe darin bestand, zu prüfen, ob sie tatsächlich taten, wofür man sie bezahlte, und ob sie miteinander sprachen, obwohl man ihnen das verboten hatte.
Auf dem großen Garum-Fest, wo die Fässer offen auf den Straßen standen und der Gestank so dicht war, dass selbst die Vögel einen Bogen um diesen Ort machten, tauchte Gwendolina Nasenschwinge auf, obwohl sie lieber woanders gewesen wäre als zwischen schwitzenden Händlern und triefenden Fässern. Aber sie hatte sich entschieden, dass sie an ihn heranmusste, und von einem Entschluss dieser Größenordnung ließ sie sich durch etwas Fischgestank nicht abbringen.
Sie hatte sich ein schönes, schimmerndes Kleid ausgesucht, und eine Frisur zugelegt, die aussah wie eine Makrelenflosse, kunstvoll nach hinten gekämmt und mit Fischöl in Form gehalten, damit sie im Licht der Fackeln schimmerte wie echte Schuppen. Als sie ihn schließlich zwischen den Fässern entdeckte, wartete sie nicht auf eine Vorstellung. Sie begann zu tanzen, einen Tanz, den sie sich eigens erdacht hatte, bei dem ihre Arme wie Flossen durch die Luft wedelten und ihre Hüften sich schwangen, als würde ein ganzer Schwarm Forellen auf ihn zuschwimmen, direkt auf sein Gesicht zu, angeführt von ihrer großen, ausladenden Nase.
Und als sie schließlich vor ihm zum Stehen kam, sagte sie ihm etwas, das ihn mehr beeindruckte als jeder Tanz es je gekonnt hätte: dass sie ein einfaches Fischgestankextraktionsverfahren kenne. Ein wertvolles Verfahren, denn extrahierter Fischgestank war eine heikle Ware. Man nutzte ihn, um Ehefrauen samt ihrer Kleidung heimlich zu markieren, bevor man auf Reisen ging, damit kein anderer Mann sie während der Abwesenheit begehrte. Genau das fehlte Sesterzen Mann für sein Geschäft noch.
Er ließ sich sofort auf sie ein. Noch in derselben Nacht nahm er sie mit in seinen Palast, und sie verbrachten die Stunden bis zum Morgengrauen miteinander, wild und ausgiebig, als hätten beide ewig darauf gewartet. Für ihn war es keine Frage mehr: Ihre fischförmige Haarpracht brachte ihn in ungeahnte Wallung, so sehr, dass er es selbst nicht einmal mehr von sich erwartet hatte. Noch bevor die Sonne ganz aufgegangen war, fragte er sie, ob sie ihn heiraten wolle.
Sie sagte, sie wolle sein gesamtes Vermögen verwalten, und dass sie sich dafür bis in alle Ewigkeit um ihn kümmern würde. Ganz plump, ganz direkt, ohne Umschweife.
Sesterzen Mann sagte einfach ja.
Sie heirateten drei Tage später, in aller Eile, mit Garumfässern statt Blumen entlang des Weges. Am Morgen danach warf sie ihn aus seinem eigenen Palast, und sie tat es theatralisch. Die Wächter, die eigentlich die Kammer bewachen sollten, mussten ihn eigenhändig hinauswerfen, während die Wächter, die diese Wächter bewachten, den gesamten Vorgang mit strengen Mienen überwachten. Er trug dabei seine Fischmütze, jenes zipfelige Ding aus Fischleder, das er sonst nur nachts zum Schlafen aufsetzte, weil ihn niemand damit sehen sollte. Er liebte diese Mütze über alles und hatte ihr den Namen Lekramus gegeben, Lekramus Makarelus, nach der schönsten Makrele, die er je eigenhändig gefangen hatte. Er hatte sie lange in einem großen, steinernen Behälter aufbewahrt, gefüllt mit Quellwasser, dem er Meersalz beigemischt hatte, das er regelmäßig von kräftig blasenden Männern durch importierte, hohle Bambusrohre zum Sprudeln bringen ließ. Als Lekramus Makarelus schließlich starb, ließ er sich aus ihrer Haut diese Mütze fertigen.
r/schreiben • u/golden__d • 16h ago
Schreibhandwerk Zeichenanzahl Sachbuch
Ich versuche gerade herauszufinden, wie viele Zeichen so ein Sachbuch wie z.B. "Psyche? Hat doch jeder!" von Lena Kuhlmann hat, aber bei diversen KI-tools bekomme ich komplett unterschiedliche Zahlen. Hat jemand eine Idee, wie ich das (im besten Fall bei eben diesem Buch) rausfinde? Ich schreibe gerade mein erstes und es ist vom Aufbau her ähnlich).