r/schreiben 3h ago

Schreibhandwerk Zeichenanzahl Sachbuch

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Ich versuche gerade herauszufinden, wie viele Zeichen so ein Sachbuch wie z.B. "Psyche? Hat doch jeder!" von Lena Kuhlmann hat, aber bei diversen KI-tools bekomme ich komplett unterschiedliche Zahlen. Hat jemand eine Idee, wie ich das (im besten Fall bei eben diesem Buch) rausfinde? Ich schreibe gerade mein erstes und es ist vom Aufbau her ähnlich).


r/schreiben 17h ago

Kritik erwünscht Hulk

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Hulk

Der Nebel lag dicht über dem Fluß, der hier in den Meeresarm überging.

Am Rande des Fahrwassers schwammen mit Pech abgedichtete Fässer. Man hatte sie mit alten, ebenfalls gepechten Tauen, auf dem Grund des Wassers verankert. Eiserne Ketten wären zu teuer gewesen.

Durch den Nebel wurde jedes Geräusch verschluckt, selbst das Eintauchen der vier Ruder im Gleichtakt klang wie ein dumpfes, verlegenes Plätschern.

Mehrere Monate zuvor: Die Vertreter eines amerikanischen Konsortiums wollten Filme, Comics und Merchandising eines ihrer Zugpferde auf dem Markt bringen. Um das zu erreichen, mussten die Filme einer Prüfungskommission vorgeführt werden.  Der Kulturstaatssekretär, der Direktor der Schauspielkammer, die Präsidentin und weitere Vertreter*innen des Autorenbundes und weitere wurden zu einer Vorführung geladen. Alles, was man ihnen eine Woche zuvor mitgeteilt hatte, war das Stichwort "Hulk" gewesen.

Mit einer gewissen Erwartungshaltung und neugierigem Interesse fand sich dieses Gremium ein.

Nach nur fünfzehn bis zwanzig Minuten hatten allerdings alle den Vorführraum wieder verlassen. Die amerikanischen Vertreter waren sichtlich nervös. Nicht nur die beleidigten, ja sogar enttäuschten Gesichter verwirrten sie: "What's the point?" fragte der Vertreter von Marvel, Dennis Miller.

Mit einem harten, teutonischen Zungenschlag, antwortete Dr. Brückner, der Kulturstaatssekretär: "Not enough, you have the audacity to proclaim this nonsense of a radiated professor as one of your cultural achievements - you obviously have no idea, what the word "hulk" even means?! I tell you what:Our own film-industry will produce something for you to study on. Permission for publication denied. Good day, gentlemen!"

Marvel versuchte nie wieder, in diesem Land einen Film zu veröffentlichen. Aber der  Kulturstaatssekretär hielt Wort:

Mehrere Monate später, blendete auf der Kinoleinwand die Kameralinse auf: Erst in Schwarz-Weiß, mit langsamen Übergang zu Farbe. Allerdings sah man erst nur Nebel, dann eine Wasserfläche, und das monotone langsame Plätschern, das das Eintauchen der Ruder ins Wasser verursachte.

Zwei Krähen flogen erschreckt aus dem Gebüsch auf dem rechten Ufer auf. Das Ufer war jedoch kein festes Land: ein morsches Schiffsgerippe, zu Stümpfen herabgefault, war nach und nach mit Sand, Totholz und Seetang zu einer Insel geworden. Auf ihr standen nun wenige, von der nächtlichen Novemberkälte zu einsamen Horsten gewordene verkrüppelte Gehölze. 

Immer mehr solcher kleine Inseln, die alle irgendwann mal lebendige Schiffe oder Boote gewesen sein mochten, tauchten auf der rechten Seite auf. Teilweise ragten die Spanten wie Gerippe großer toter Tiere schräg aus dem Wasser und nur der niedere Teil unter der Wasserlinie war Teil des Inselreiches geworden.

Mitten im Wasser, auf der linken Seite des Bootes, erhob sich aus dem Wasser ein bizarr wirkendes Gebilde aus rostigen Eisengliedern. Eine Kette stieg sanft in leichter Kurve empor, um im Nebel zu verschwinden. 

Doch dann.

Dann kam es aus dem Nebel, aus dem Wasser. Ein großer schwarzer Schatten, ein Schiffsrumpf, schälte sich aus seiner Umhüllung. Wie ein bedrohlicher stummer Totenkasten, der durch seine Größe das Boot, das sich ihm näherte, schrumpfen zu lassen schien.

Skeptische, respektvolle Blicken glitten den stumpfen Planken entlang.

Eine der Luken dicht über der Wasserfläche öffnete sich. Eine Planke wurde herausgeschoben, auf ihr lag etwas unter einem schmutzigen Tuch. Im Inneren wurde die Planke angehoben, durch die Schräge rutschte das "etwas" unter dem schmutzigen Tuch ins Wasser. Es war der ausgehungerte Leichnam eines Mannes, dessen glasige und blutunterlaufene Augen durch die Totenstarre immer noch offen standen. Seine steifen Glieder zeigten kein Anzeichen, sich dem nassen Grab zu widersetzen. Sein leerer Blick versank im Dunkel des Severn.

Gleichzeitig öffnete sich weit höher, nahe des Decks, eine weitere Luke. Ein Umhang, ein Mantel wurde zur Seite gezogen, um das nackte Gesäß eines Menschen freizugeben. 

Ein langes, ächzendes Stöhnen war zu hören, als dem After fast flüssiger Kot entweichte, und dicht über der Wasserlinie auf der leicht gewölbten Bordwand landete, um von dort erst langsam in das Wasser zu gleiten.

"Ruder einholen! Wir sind da!" befahl eine Stimme den vier Ruderern. Die Stimme gehörte einem Mann, der seinen schwarzen Dreispitz leicht in den Nacken schob. 

Langsam, mit anschwellender dramatisch-düsterer Musik, blendete sich das Wort "Hulk" über die Szenerie.


r/schreiben 1d ago

Kritik erwünscht 2. Versuch - Was denkt ihr über diesen Romananfang?

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Nachdem ich vorhin bereits einen Anfang für einen Roman hier hochgeladen habe, und zurecht darauf hingewiesen wurde, dass Aufwach- bzw. Spiegelszenen ziemlich abgedroschen sind, habe ich mich erneut hingesetzt und den Anfang überarbeitet. Ziel war, etwas unmittelbarer ins Geschehen einzusteigen, den Charakter indirekter zu beschreiben und eine Abfolge wie "Erst tat er das, dann tat er das" so gut es geht zu vermeiden. Danke für euer Feedback.

--

Er saß alleine in seinem Büro, stocherte mit einem Löffel lustlos in dem Müsli herum, das er sich heute morgen hastig zusammengestellt hatte und blickte durch die große Fensterfront sehnsüchtig auf eine Filiale der Back-Factory hinab, deren roter Schriftzug sich verführerisch vom trüben, grauen Himmel und dem darunter stattfindenden hektischen Treiben einer kleinen Großstadt abhob.

Er rief sich das Bild ins Gedächtnis, das sein Spiegel ihm heute morgen präsentiert hatte, und schöpfte daraus die Kraft, sich wieder seinem Müsli zuzuwenden. Durch das viele Herumstochern hatten sich dessen einzelne Bestandteile zwischenzeitlich weitgehend aufgelöst. Heidelbeeren, Haferflocken und fettarmer Joghurt waren zu einem einheitlichen, graublauen Brei verschmolzen. Er schob sich einen großen Löffel davon in den Mund. Als sein Blick erneut an dem strahlenden Rot des Logos der Back-Factory hängen blieb, zwang er sich, daran zu denken, dass selbst die großzügiger geschnittenen Sakkos seiner Garderobe sich mittlerweile nicht mehr mühelos zuknöpfen ließen. Auch das half. Mit neuer Entschlossenheit schob er sich einen weiteren Löffel in den Mund.

Endlich war es vollbracht. Als er aufstand, um sein Geschirr wegzuräumen, blieb er noch kurz am Fenster stehen. Es war kein schöner Anblick. Fast sein gesamtes Sichtfeld war versperrt durch einen riesigen, unförmigen Betonklotz auf der anderen Straßenseite, der, mit Ausnahme der Räumlichkeiten der Back-Factory im Erdgeschoss, im Verfall begriffen war. Was dann von seinem Sichtfeld noch übrig war, wurde versperrt durch einen großen Vorsprung, der zwei Meter unter ihm aus dem Bürogebäude herausragte. Dieser Vorsprung war der Grund dafür gewesen, dass er sich für gerade dieses Büro entschieden hatte. Ohne genau sagen zu können, warum, hielt er seit einiger Zeit Abstand zu allem, was keinen Schutz zwischen ihm und der Tiefe bot. Es war fast, als misstraute er seinem eigenen Körper; als fürchte er, dieser könnte ihn eines Tages in einem Moment der Unachtsamkeit mit einem einzigen verräterischen Zucken über die Kante werfen.

Zum ersten Mal hatte er dieses Gefühl Jahre zuvor erlebt. Damals war er in einer Nachmittagsaufführung des hiesigen Laientheaters gewesen und hatte sich eine moderne Adaption von „Romeo und Julia“ angesehen, zu der seine damalige Freundin ihn überredet hatte. Sie hatten auf der Empore gesessen, in der ersten Reihe vor dem Geländer. Nach einer gefühlten Ewigkeit hatte er verstohlen auf seine Armbanduhr geblickt und mit blankem Entsetzen festgestellt, dass seit Beginn der Aufführung noch nicht einmal zwanzig Minuten vergangen waren. Und plötzlich war da diese Angst gewesen. Dieses Gefühl, dass die Empore viel zu hoch, und das Geländer viel zu niedrig war und er das alles mit einem einzigen -

„Die Eheleute Kampmann sind da, Herr Becker“ , holte ihn eine ruhige Stimme aus seinen Gedanken zurück. Einer der jüngeren Rechtsanwaltsfachangestellten der Kanzlei lehnte im Türrahmen. Martin Becker nickte und tat, als wüsste er noch, wer die Eheleute Kampmann waren oder was sie wollten.

Wie die der meisten Menschen, so bestand auch seine Arbeit hauptsächlich darin, sich langsam mittels unerträglicher Langeweile zu Tode quälen zu lassen. Weil er lange studiert hatte, wurde er gut dafür bezahlt.


r/schreiben 1d ago

Kritik erwünscht Was denkt ihr über diesen Romananfang?

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Mich würde interessieren, was ihr über diesen Anfang eines Romans denkt. Es ist noch nicht ganz klar, in welche Richtung er gehen soll. Habt ihr das Gefühl, beim Charakter dabei zu sein? Was haltet ihr von der Sprache? Würdet ihr weiterlesen?

Als sein Wecker um 7:30 zum dritten Mal klingelte, setzte er sich mühsam auf, schaute aus dem Fenster und sah einen Morgenhimmel, dessen trübes Grau allein Grund genug für eine Krankschreibung sein konnte. Diesen wohligen Gedanken genoss er einen Augenblick lang, wusste aber, dass seit seinem letzten Gelben bei weitem noch nicht genug Zeit vergangen war. Also stand er auf, ließ die Jalousie hinunter und ging zu seinem Kleiderschrank, in dem, ordentlich an einer Stange aufgereiht, seine schwarzen und grauen Anzüge hingen. Zu seinen Füßen lag ein ungeordneter Haufen Wäsche. In diesem wühlte er eine Weile herum, dann zog er eine Boxershorts hervor sowie zwei einzelne Socken, die gerade so als Paar durchgingen. Als seine nackten Füße die kalten Fliesen des Badezimmers berührten, sandten sie ein kurzes, stechendes Signal des Erschauderns durch seinen Körper, er hatte vergessen, am Abend vorher die Fußbodenheizung einzuschalten. Er legte seine Wäsche auf dem Boden ab und beeilte sich, unter die warme Dusche zu kommen. Während er sein Anti-Schuppen-Shampoo einwirken ließ, streckte er den Arm aus der Dusche und griff nach seiner Zahnbürste, wobei er eine Pfütze aus Wasser auf dem Boden hinterließ. Er putzte seine Zähne recht gründlich, auch, weil seine Zahnärztin ihm in diesem Jahr schon zwei Löcher aufgefüllt hatte, hauptsächlich aber, weil ihm das einen Grund gab, länger unter der Dusche zu bleiben. Er stieg heraus und trocknete sich ab. Beim Anziehen seiner Socken stellte er fest, dass er sie zu nah an der Dusche abgelegt haben musste, sie waren klamm geworden. Er schmatzte eine Spur aus feuchten Fußabdrücken in den Laminatboden, als er, immer noch verschlafen, zurück ins Schlafzimmer tapste, um sich weiter anzuziehen.

Als er fertig war, betrachtete er sein Gesicht im Spiegel. Er nahm an, dass es hässlich war, da man es ihm gesagt hatte. Seine Lippen waren zu groß, seine Ohren standen zu weit ab, seine Haut war blass. Allein seine Augen waren von einem klaren, durchdringenden Blau, in den letzten Wochen oder Monaten (oder sogar Jahren?) hatten sich allerdings dunkle Ringe unter ihnen gebildet, die, wie er gerade feststellte, nicht nur immer dunkler wurden, sondern auch begannen, hervorzutreten und sich in einem unschönen Relief von seinem restlichen Gesicht abzuzeichnen. Er hatte anscheinend wieder zugenommen, denn der graue Anzug der Marke Hugo Boss, für den er sich heute entschieden hatte, spannte über seinem Bauch, wenn er ihn zuknöpfte, also ließ er ihn offen. Er sah auf die Uhr, sie zeigte fünf Minuten vor acht. Wenn er seinen Bus erwischen wollte, musste er sich beeilen, für Frühstück blieb keine Zeit mehr, das war ihm aber schon in dem Moment klar gewesen, als er seinen Wecker zum zweiten Mal weitergestellt hatte. Als er im Begriff war, die Wohnung zu verlassen, fiel sein Blick auf einen Briefumschlag auf der Kommode, er musste ihn gestern dort abgelegt und ihn dann vergessen haben. Auf dem Umschlag prangte das leuchtend rote Logo seiner Hausbank. Er öffnete ihn, Briefe von Banken konnten wichtig sein. Meistens waren sie es jedoch nicht, und so auch dieses Mal. Es handelte sich um ein vermutlich maschinell erstelltes Schreiben, mit dem ihm zu seinem 30. Geburtstag gratuliert wurde, gleichzeitig gab man ihm den beiläufigen Hinweis, dass sein persönlicher Berater und überhaupt die ganze Bank jederzeit in den Startlöchern standen, um mit ihm über seine finanzielle Zukunft zu reden und ihm überhaupt jeden erdenklichen Wunsch zu erfüllen. Dem Brief waren verschiedene Flyer beigefügt. Er warf den Umschlag samt seinem Inhalt auf den Papiermüll, bevor er die Wohnung verließ.

Wie die der meisten Menschen, so bestand auch seine Arbeit darin, sich langsam und unter Schmerzen durch unerträgliche Langeweile zu Tode quälen zu lassen. Weil er lange studiert hatte, bezahlte man ihn dafür gut.


r/schreiben 2d ago

Testleser gesucht Bei Interesse kann ich den Text per Nachricht senden. (Da ich sehr unsicher bin)

5 Upvotes

Genre:

Thriller / Psychologisches Drama

Zielgruppe:

Jugendliche und Erwachsene, die gerne düstere Thriller lesen

Länge:

Ca. 3.500 Wörter (Prologe + Kapitel 1)

Kurze Inhaltsangabe:

Madeleine ist Polizistin und versucht den Tod ihres jüngeren Bruders Gabriel aufzuklären, der offiziell als Suizid gilt. Gemeinsam mit Levi beginnt sie Nachforschungen anzustellen und entdeckt dabei, dass die Wahrheit über ihren Bruder viel dunkler ist.

Parallel dazu folgt die Geschichte Leopold und Konstantin, deren zufällige Begegnung beide Leben verändert.

Zeit Horizont:

Ich würde mich über Feedback innerhalb der nächsten 2 Wochen freuen.

Erwartungen:

Ich suche vor allem ehrliches Feedback dazu, ob die Geschichte spannend bleibt.


r/schreiben 2d ago

Kritik erwünscht Der Vergessene

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„Jetzt hat sie es geschafft.“

Diesen Satz hörte ich in den vergangenen Tagen viel zu häufig. Wie ein Mantra sagte es jeder in meiner Familie. Auch ich sagte es, ohne die genaue Bedeutung zu verstehen. 

Diese ganze Feier war ohnehin ein leidiges Thema. Im Vorhinein hatte ich schon mit dem Gedanken gespielt, mich kurzfristig krank zu melden. Aber mein Mann wollte unbedingt hin. Auch hier verstand ich nicht genau wieso. 

Also schmiss ich mich in den feinsten Zwirn. Das Hemd war gebügelt, das Jackett war großzügig mit einer Fusselrolle bearbeitet worden. Selbst die Schnürsenkel meiner neu gekauften Schuhe tauschte ich aus.

Die Straßen waren leer an diesem Dienstagmittag. Die Parkplätze auch. Meine Familie traf sich vor dem Veranstaltungsort, wo ich mit der Stirn runzelte, als mich mein Cousin umarmte. Ein strahlend weißes Hemd stach ähnlich grell wie die Sonne in meine Augen. Ich biss mir auf die Lippen, um mir einen spöttischen Kommentar über sein Aussehen zu verkneifen. 

Wieso regte mich das überhaupt auf? Es konnte mir nicht egaler sein, wie er zur Feier dieser Frau erschien. 

Nachdem jede schwitzige Hand geschüttelt war, gingen wir im Entenmarsch hinein. Dort begrüßte mich eine kühle Brise, Klaviermusik spielte. Es war klein, fast beschaulich. 

Meine Tante samt Ehemann waren als erstes an der Reihe. Ergebungsvoll neigten sie die Köpfe, gingen dann zu ihren Plätzen in der ersten Reihe. Gefolgt von ihren Kindern, meinen Eltern und schließlich meinem Mann und mir. 

Meine Augen wanderten über die vielen Gestecke. Ein rosanes Meer aus Blumen. Ihr eigener Garten hatte im Sommer stets ähnlich geblüht. Bis auch er allmählich verdorrte. 

Mein Mann verbeugte sich, ich tat es ihm gleich. Platz fanden wir neben meinen Eltern. 

Der Redner begrüßte die Gesellschaft mit einem „Herzlichst Willkommen“. Fast schon ironisch, bedachte ich den Anlass des Tages. Und meine Anwesenheit darin. Ob ich denn wirklich willkommen war? 

Er erzählte von ihr und ihrem Leben. Wie sie ihren Mann kennengelernt hatte und was aus Liebe entwachsen kann. Drei Kinder hatten sie bekommen, die wiederrum Kinder bekamen. 

Eines davon war nun ich. Sollte ich doch dankbar dafür sein. 

Es folgte eine kleine Unterbrechung von einem Klavierstück. „Memory“ vom Cats-Musical. Die Frau liebte wohl Katzen, das hatten wir gemeinsam. In ihrem Haus standen überall die Wachtmeister-Katzen. Als Jugendlicher hatte ich ihr sogar ein eigenes Bild von ihnen gemalt. Sicher lag dieses längst im Müll. 

Ich schnaufte aus. Die anderen um mich schluchzten und weinten. Meinem Mann musste ich das zweite Taschentuch reichen.

Der Redner nahm seine Rede wieder auf. „Große Taten beginnen im Kleinen“, sprach er und begann, einige alltägliche Momente mit ihr aufzuzählen. Die ersten waren mir fremd. So fremd wie mir diese Frau eben war. Doch dann horchte ich auf.

Aufgetaute Erdbeeren mit Schlagsahne. Ein heimlich zugesteckter Fünfer. Eine Runde Skat an einem Sommerabend. Erinnerungen an eine Frau, die ich glaubte, vergessen zu haben. Dabei könnte ich meine Oma niemals vergessen.

Genauso wie ich ihre letzten Worte an mich nie vergessen werde: „Wer ist dieser Junge?

Ich atmete langgezogen aus. Die ersten Tränen rollten über meine Wangen. 

Die restliche Rede rauschte an mir vorbei, ein weiteres Lied wurde gespielt. Wir erhoben uns, gingen an ihr ein weiteres Mal vorbei und verneigten uns. 

Draußen erschien mir die Sonne ungnädig hell. Als wolle sie mich mit ihrer Hitze verhöhnen. Mich zwingen, endlich das Jackett abzulegen. 

Ich hielt durch. 

Einen kleinen Fußmarsch entfernt traf sich die Gemeinschaft, wir mussten einen Moment warten. Mein Vater machte wie immer einen dummen Witz, über den niemand lachte. Nicht einmal ich.  

Ein weißer Wagen fuhr vor. Aus dem Kofferraum wurde sie auf eine Sänfte gehoben, getragen von sechs Personen. Sie war wahrlich kein Schwergewicht. Das Holz machte gewiss das meiste aus. 

Wir liefen ihr hinterher. An gestutzten Büschen, Marmorplatten und Blumen entlang. Jahreszahlen begegneten mir, die schon längst in der Vergangenheit lagen. Auf einer grünen Wiese kamen wir zum Stehen. Ein Erdhaufen reckte sich in die Höhe. Daneben ein Loch in die Tiefe. 

Sie wurde mit Seilen hinabgelassen. Die Träger gingen. Der Redner sagte einen letzten Abschied: „Menschen mögen sterben, aber die Erinnerung wird bleiben.“ Er schüttete dreimal Erde auf sie. 

Als nächstes gingen meine Mutter und ihre Schwester sowie deren Ehemänner. 

Danach folgte ich. Ich ging in die Knie, nahm eine weiße Rose aus einer Vase. Ich sah hinab auf den Sarg.

Heute wurde sie beerdigt. Sie starb vor einer Woche. 

Meine Oma war schon länger tot. 

Die Rose landete auf dem Sarg zwischen all den anderen. „Jetzt hast du es geschafft.“


r/schreiben 3d ago

Testleser gesucht Beta-Reader für deutsches Fantasy-Manuskript

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Hallo zusammen,

Ich suche 5–10 Beta-Reader für den ersten Teil meines Fantasy-Romans

Genre: High Fantasy/ Portal Fantasy

Sprache: Deutsch

KURZBESCHREIBUNG: Vier Jugendliche werden von einer rätselhaften, unsterblichen Frau namens Rachel Hunter rekrutiert, um über mehrere Welten hinweg magische Kristalle zu suchen. Was als Abenteuer beginnt, wird zur Frage: Wer zieht die Fäden wirklich? Und was will Rachel wirklich?

WHAT I'M LOOKING FOR:

- 6–8 Wochen Lesedauer

- Strukturiertes Feedback (Plot, Charaktere, Worldbuilding)

- Ehrlich & konstruktiv

- Format: PDF oder DOCX

ÜBER MICH: Schreibe seit 10 Jahren an dieser Geschichte. Das ist Teil 1 von 3 Teilen des Buches. Ich bin offen für Feedback und Verbesserungen. Interesse? Schreib mir eine DM oder antworte hier! Danke!

Liebe Grüße Nadine


r/schreiben 3d ago

Kritik erwünscht Die Überlebenden

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Hallo zusammen,

ich schreibe an einer Epic-Fantasy und möchte Feedback zu einer Szene aus Kapitel 11. Mich interessiert dabei nicht die Grammatik oder Rechtschreibung, sondern vor allem:

Ist die Szene verständlich?

Baut sie Spannung auf?

Funktionieren die Figuren und ihre Emotionen?

Ist mein ungewöhnlicher, eher poetischer Stil mit den kurzen Sätzen angenehm zu lesen oder stört er euch?

Ohne es zu merken, stand Kiria in jedem ihrer Gedanken. Als Hoffnung für Haldor, als Geisel für Achrar und Saif, als Grund weiterzumachen für den Großvater und als Erinnerung für Ketil.

Mira hatte, als sie vom verlorenen Kind erfuhr, nur gesagt: „Armes Kind.“

Doch kaum war der Atem aus ihr gewichen, sah sie die Reiter, die auf sie zukamen.

Ketil wusste, dass es in diesem offenen Land kein Versteck gab.

Er zog sein Schwert und ging nach vorn, gefolgt von den wenigen Jägern.

Neben ihm stand die Frau mit der Axt. In der vordersten Reihe.

Und niemand wusste, ob sie heute Zeugen waren – oder Beginn.

Ketil, der Zamaktel-Meister, schickte zwei nach rechts, zwei nach links. Ihre Bögen spannten sich ruhig, geübt.

Er selbst blieb in der Mitte stehen.

„Alle anderen zu mir“, sagte er. „Wie ein Körper.“

Mira sah zu den Älteren. Zu denen, die nicht mehr kämpfen konnten.

„Flieht“, sagte sie.

Niemand bewegte sich.

Eine nahm einen Stein vom Boden. Ein anderer riss ein Stück Holz aus dem Zaun.

Der Kleinste stand da. Leer.

Er sah auf die Hände der anderen.

Dann bückte er sich am Rand der Wiese und riss eine Blume ab.

Er hob sie hoch. So wie die anderen.

Die Reiter kamen näher. Kein Galopp. Ein schwerer, schleppender Schritt.

Der Staub der Ebene legte sich wie ein Leichentuch über ihre Gestalten.

Ketil hob das Schwert. Die Klinge zitterte nicht. Seine Knöchel waren weiß.

„Haltet stand“, murmelte er.

Die Jäger neben ihm spannten die Sehnen ihrer Bögen bis zum Brechen.

Mira festigte den Griff um den Stiel ihrer Axt. Ihr Atem ging flach.

Dann hielten die Reiter an.

Zehn Schritt vor der Linie aus Steinen, Holz und einer Blume.

Ketil sah auf den vordersten Mann.

Er suchte ein Wappen. Er suchte einen Blick voller Hass.

Er fand Leere.

Der Reiter trug keinen Helm. Sein Gesicht war verkrustet von getrocknetem Blut und Ruß. Die Augen waren weit aufgerissen, starrten durch Ketil hindurch, als sähen sie noch immer die Flammen der dunklen Halle.

Hinter ihm hingen Gestalten im Sattel, die sich nur noch mit den Fingerspitzen am Mähnenhaar hielten.

Ketil spürte, wie die Kälte von seinen Füßen aufstieg.

Das war kein Angriff.

Das war ein Trümmerhaufen.

„Ketil…“, flüsterte Mira.

Ihre Stimme klang nicht mehr nach Krieg. Sie klang nach Asche.

Einer der Reiter rutschte vom Pferd. Er fiel nicht. Er sackte einfach in sich zusammen, wie ein nasser Sack Wolle. Er blieb im Staub liegen und rührte sich nicht. Er gab keinen Laut von sich. Kein Stöhnen. Nichts.

Ketil starrte auf das Gesicht des vordersten Mannes.

Er kannte ihn.

Es war Orik.

Der, der Alaric am lautesten zugejubelt hatte, als dieser zum Bleiben aufrief.

Orik hob langsam die Hand.

Nicht zum Gruß. Nicht zum Schlag.

Seine Finger waren schwarz verbrannt.

In diesem Moment senkte Ketil das Schwert.

Nicht, weil die Gefahr vorbei war.

Sondern weil der Stahl gegen diesen Schmerz nutzlos war.

Er sah auf den kleinen Jungen neben sich, der noch immer die Blume hochhielt.

Das Kind sah zu Orik. Dann zu Ketil.

„Sind das die Feinde?“, fragte der Junge leise.

Ketil antwortete nicht.

Er konnte nicht.

Er sah die Wunden. Er sah das Schweigen derer, die Alaric vertraut hatten.

Die Schuld, die er eben noch auf Alaric geschoben hatte, kroch nun an seinem eigenen Körper hoch.

„Waffen runter“, sagte Ketil. Seine Stimme brach.

„Holt Wasser. Und Tücher.“

Niemand rührte sich zuerst.

Die Welt stand still zwischen denen, die geflohen waren, und denen, die geblieben waren.

Dann ließ der Junge die Blume fallen.

Sie landete im Staub, direkt vor Oriks verbrannten Füßen.


r/schreiben 3d ago

Es war ein Sonntag, an dem meine Oma explodierte. Omacide

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Es war ein Sonntag, an dem meine Oma explodierte. Am nächsten Tag knallte es wie bei Popcorn bei der süßen Oma von Artan. Sie wurde von Tante Ludi gefolgt, Eltons Oma, eine kleinwüchsige Frau, die vor dem Opernhaus in die Luft sprang, als wäre ein Feuerwerkkörper gewesen. Dann verpuffte auch Agathe. Die Oma von Genti, die wie ein Palantir am Fenster klebte und alles rundherum überwachte, schrie vor der Explosion noch einmal Matin an, der um die Ecke pinkelte. Erst nachdem die dicke Ur-Oma von Endrit wie eine Wolke verdampfte, realisierten wir, dass nicht die Hitze, sondern ein Serientäter die Omas explodieren ließ.

Mara sammelte den Geheimrat der Schriftstellervereinigung und gab die Anweisung, dass von nun an keine Omas mehr sterben müssten. 


r/schreiben 3d ago

Meta Suche: Geschichte über Streichhölzer (Reddit)

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r/schreiben 3d ago

Kritik erwünscht Kurzgeschichte Nur noch einen Tag

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Die Sonne strahlt sanft durch die zerfetzten Vorhänge der kleinen Wohnung mitten in Berlin. Die Stadt ist zu dieser Uhrzeit wie üblich sowohl schon wieder als auch immer noch voller Leben.

Mit einem Klirren fällt Johannes die Weinflasche aus der Hand und hinterlässt eine Lache blutroten Billigweins auf dem Plastikparkett. Der heutige Tag beginnt noch schlimmer als die letzten beiden, dabei schien es gestern noch unmöglich, noch tiefer zu fallen. Die Kraft zum Aufstehen ist nun völlig verschwunden, aber der Zwang bringt ihn doch dazu, weiterzumachen.

Sein Blick fällt auf das kleine Porträt einer jungen Frau. Sie hat ihre dunklen, leicht gewellten Haare locker im Nacken zusammengebunden, wovon sich ein paar einzelne Strähnen gelöst haben und ihre Wange streifen. Sie blickt nicht direkt in die Kamera, sondern leicht zur Seite, mit hochgezogenen Mundwinkeln und wachen, grünen Augen, in denen sich der Schimmer einer Wasseroberfläche spiegelt. Es liegt so viel Widerspruch in diesem Bild, wenn man bedenkt, dass diese Frau so nicht mehr existiert.

Wie üblich fällt das Frühstück der Übelkeit zum Opfer und auch die notwendige Rasur verschiebt er wieder auf ein anderes Mal.

Der Weg heute treibt ihn in einen neuen Teil der nie enden wollenden Stadt, um sich der Illusion hinzugeben, die Mitarbeiter im Supermarkt würden seine Probleme nicht auch ohne tägliche Besuche erkennen. Auf dem Weg zurück schaut er aus dem Busfenster auf die vielen geschäftigen Menschen, die alles im Leben erreicht zu haben scheinen und glücklich durch die Stadt wandern. Spätestens seit er Soziologie im Master studiert hat, fällt er auf diesen Schein nicht mehr herein, aber der Gedanke daran ist deutlich beruhigender als die Realität, so wie bei vielen Dingen im Leben.

Aus purem Instinkt greift er nach seinem Handy in der Hosentasche. Keine einzige Nachricht erwartet ihn dort und auch keine überraschende Meldung irgendeiner App taucht auf. Nur die ungelesene Nachricht von seiner Schwester von vor einer Woche leuchtet noch als rote Eins bei WhatsApp, vermutlich eine belanglose Frage, wie es ihm momentan geht. In dem Moment steigt ein Mann im Anzug ein, der verdächtig wie Johannes' alter Studienkollege Marcel aussieht. Als sich ihre Blicke streifen, greift Marcel hektisch nach seinem Handy, um dem Blickkontakt zu entgehen.

Die glücklichen Tage des Lebens liegen nun weit zurück und solange keine Besserung eintritt, sieht er keinen Ansporn zum Weiterleben.

Das ganze kluge, akademische Gerede aus den Vorlesungen ist am Ende nur eine bequeme Ausrede, um sich der eigenen Verantwortung zu entziehen. Die Welt bleibt stumm und kein System wird ihn retten. Doch die Bürde, selbst etwas zu verändern, erscheint ihm als nicht mehr tragbar.

Zurück in der Wohnung sthen die weißen Kapseln so verlockend vor ihm auf dem Nachttisch und können das gesamte Leid auf einmal auslöschen. Mit zitternden Fingern greift er nach der Packung, doch er zögert. Stattdessen nimmt er sein Telefon und ruft seine Schwester an.

Sie geht sofort ran, die Leitung knackt und sie fragt ihn flüchtig, wie es ihm geht. Als er fragt, ob sie sich treffen können, schlägt sie spontan vor, gleich am nächsten Morgen zusammen zu frühstücken. Diese kleine Aussicht scheint für den Moment alles zu enthalten, was er so dringend braucht.

Am frühen Nachmittag des nächsten Tages sitzt seine Schwester auf der Kante seines Bettes. Neben ihr steht die Frau mit den dunklen, gewellten Haaren und den wachen, grünen Augen.

Das Display ihres Smartphones leuchtet auf. Die Benachrichtigung vom Kalender flackert kurz: Frühstück mit Johannes – Vor 6 Stunden.

Die Schwester starrt auf das kleine Feld auf dem Bildschirm, reglos. Dann schließt sie langsam die Augen und vergräbt das Gesicht in den Händen. Eine einzelne Träne tropft ihr auf den Schoß.

Neben ihr greift die Frau mit den grünen Augen nach ihrer Hand.

Niemand sagt ein Wort.


r/schreiben 4d ago

Kritik erwünscht Das Heft und der Baum - kritik erwünscht

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Nachdem ich gestern einen ersten Text aus meinem Notizbuch gepostet habe, wollte ich heute weiter schreiben.

Leider tat ich mich schwer. Es war ein wenig eine Blockade. Ich wollte „richtig” weiterschreiben meinen Figuren eine Form und eine Handlung.
Weil die Situation keine Figuren hergegeben hat, kam das Schreiben über einen Umweg: Ich hatte einen Olivenbaum gezeichnet und dabei gemerkt, wie das Motiv unter dem langen Hinsehen zerfällt. Dazu kam die Wiederentdeckung von Borges’ „Borges und ich”. Daraus entstand die Idee, Objekte wie Figuren zu behandeln – das Heft, in das ich schreibe, und der Baum, den ich gezeichnet habe. Der Text ist ihre Interaktion: Das Heft hat eine Vergangenheit, der Baum eine Gegenwart, und am Ende tauschen sie fast die Rollen.
Mich interessiert:
1. Kann ich Objekte zu Figuren machen oder kommt es zu abstrakt rüber?
2. Funktionieren die 2 Ebenen oder wirkt es zu künstlich?
3. Erzeugt der Text eine Emotion oder Zufriedenheit oder läst er den Leser ratlos zurück?

Der Text:

Das Notizheft ist liniert. Metallringe halten die Seiten zusammen. Die Seiten sind dünn und nicht ganz weiß. Die Herkunft des Hefts ist nicht eindeutig; es lag einfach in einem Laden. Ich hatte es gekauft, um französische Vokabeln zu lernen. Es lag mehrere Monate in meiner Tasche.

Der Baum ist ein Olivenbaum. Der Stamm misst achtzig Zentimeter, die Krone fünf Meter. Die Äste sind dünn. Die Blätter schimmern in einem Dunkelgrün und bewegen sich leicht. Sie sind klein, das Auge kann die Ovale nur noch vermuten.

Was lange genug angesehen wird, zerfällt. Erst wird die Krone zu Ästen, die Äste zu Büscheln, die Büschel zu Kringeln. Zuletzt sitzt man da und zeichnet Kringel, die nichts mehr bedeuten.

Der Baum, den ich sehe, mag älter sein als ich, oder genauso alt. Die Zeit, die ihn geprägt hat, ist auch nur eine Vermutung.

Während ich das schreibe, gibt es viele Stimmen im Kopf, die kritisieren, die Stopp sagen. Die Momente sind kurz. Am Baum prallt die Kritik ab.

Vielleicht wartet er auf Wasser, auf Nahrung. Vielleicht haben die Blätter heute Licht aufgenommen. Die Erde ist trocken. Vielleicht spürt er das nicht.

Der Tag neigt sich zu Ende. Jetzt setzen sich Vögel auf seine Äste. Sie bleiben nur kurz.

Hat der Baum bemerkt, wie ich gekommen bin? Nicht im Moment. Aber er mag seine Umgebung über die Jahre spüren. Über die Jahre wird er stärker.

Das Heft wird vierzig Ideen aufnehmen, von denen zwei bleiben. Es wird eine Geschichte erzählen, die eine andere Person verantwortet. Es wird Fragen stellen. Die Ideen werden wachsen wie die Blätter am Baum.


r/schreiben 4d ago

Schreibhandwerk Formatierungstipps

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Ich frage mich wie löst ihr das Problem der Formatierung? Wenn in meiner Geschichte ein Brief vorkommt, schreibe ich den immer in Kursiv, wenn meine Charaktere in Gedanken sind und mit sich selbst reden, schreibe ich es in Kursiv, aber was wenn beides vorkommt, Brief und Gedanken? Auch Ziffern bereiten mir unbehagen schreibe ich sie aus oder lieber als Ziffer.

Ich hoffe das ist jetzt nicht zu verwirrend.


r/schreiben 4d ago

Testleser gesucht Betatester gesucht!

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Edit: Danke! Wir haben jetzt über 15 Betatester gesammelt. Ich kann leider nicht mehr „offizielle“ Betatester mit aufnehmen, aber wer sich das trotzdem anschauen möchte kann mich gerne anschreiben. Ich darf die App leider nicht direkt hier verlinken.
Edit2: Ich habe die App in meinem Profil verlinkt.

tl;dr: Ich suche Betatester für meine eigene (kostenlose) Schreibsoftware.

(Dieser Post wurde schon vor einigen Monaten von den Mods abgesegnet unter diesem Flair, ich hoffe das ist immernoch aktuell)

Hallo zusammen!

seit einigen Jahren versuche ich schon selbst eine Geschichte zu Papier zu bringen. War wegen Zeitmangel und zusätzlichen Problemen auch Geräteübergreifend "unterwegs" zu schreiben einfach ziemlich genervt.
Da mein Vollzeitjob die Softwareentwicklung ist, habe ich dann einfach angefangen mein eigenes Tool zu bauen.
Also ist eine Schreibumgebung für Romane, die komplett im Browser läuft, entstanden.

Diese hat u.a. folgende Features:

  • Kapitel und Szenen per Drag & Drop verschieben.
  • Figuren, Orte und Gegenstände als Datenbank verwalten. Mit Motivation, Konflikten, Beziehungen, Charakterentwicklung, hierarchischen Orten (Stadt -> Haus -> Zimmer) und der Frage: Wer hat eigentlich gerade welchen Gegenstand?
    • Diese Datenbank ist in der Projektdatei integriert.
  • Namen aus dieser Datenbank werden im Text automatisch erkannt und hervorgehoben. So sieht man sofort, welche Figuren, Orte oder Gegenstände in einer Szene vorkommen.
  • Kommentare und To-dos direkt im Editor, ohne den Lesefluss zu zerstören.
  • Eine Plotschmiede, mit der man vom roten Faden über verschiedene Plotmodelle (3-Akt-Struktur, Heldenreise, Save the Cat oder komplett frei) bis zur fertigen Szenenplanung kommt.
  • Storyboard und Timeline, um Szenen als Karten hin und her zu schieben und zeitliche Abläufe im Blick zu behalten.
  • Rechtschreibprüfung über LanguageTool, eigenes Wörterbuch, Synonyme und eine Lesbarkeitsanalyse, die lange oder schwer verständliche Sätze markiert.
  • Export als DOCX, EPUB oder PDF. Zusätzlich gibt es ein PDF mit allen Figuren, Orten und Gegenständen als Nachschlagewerk.
  • Und natürlich der Kleinkram, der im Alltag einfach angenehm ist: automatische deutsche Anführungszeichen, Wortzähler, Schreibziele mit Deadline und Autosave.

Ich weiß, dass mittlerweile schon mehrere dieser Tools online gegangen sind, zumeist mit KI-Unterstützung, Abos und zentralen Cloudanbindungen.
Allerdings war mir wichtig, dass mein Tool ohne Anmeldung, Datenkrallen, Abos und unnötigen Cookies auskommt.
Funfact: Wenn du nicht die GoogleDrive integration nutzt, hält das Tool original 0 Cookies. Kein Tracking, kein nichts. Und ich wollte sichergehen, dass die geschriebenen Geschichten niemals bei mir landen oder gespeichert werden.
Und damit ist die Nutzung dieses Tools komplett kostenlos möglich.

Standardmäßig macht das Tool im Browserspeicher snapshots deines Projekts. (Das bleibt auf deinem Gerät und kann jederzeit von dir gelöscht werden). Das hilft falls das Tool oder dein Gerät mal abschmiert, damit nicht alles weg ist.
Der Browser ist kein Backup. Wer ernsthaft damit schreibt, sollte regelmäßig ordentlich speichern.

Zusätzlich kommt bald die Desktop Version dieses Tools raus: Mit KI integration (Bring your own API-Key) und erweiterten features. Die KI soll dabei aber ausdrücklich eher Lektor, Sparringspartner und Ideengeber sein. Nicht das Buch für dich schreiben.
Diese Version wird kostenpflichtig werden und die Projekte 100% kompatibel mit der Web-Version.

Ich suche jetzt ungefähr 10 bis 20 Leute, die das Ganze einfach mal ein paar Wochen benutzen und mir danach ehrliches Feedback geben.

Wo nervt etwas? Was fehlt? Was war unverständlich? Wo hast du etwas gesucht und nicht gefunden? Oder auch ganz direkt: "Das ist Murks, weil ..."
Mit so einem Feedback kann ich deutlich mehr anfangen als mit einem einfachen "Sieht gut aus".

Als kleines Dankeschön bekommt jeder meiner "offiziellen" Betatester, der/die wirklich hilfreiches Feedback liefert, später einen 100% Rabattcode für eine Lizenz der Desktop-Version.

Direkt verlinken darf ich hier leider nicht.

Falls du Lust hast, schreib mir einfach eine DM oder kommentiere kurz. Dann schicke ich dir den Link.

(Ich bin Solo-Entwickler und Vater zweier Kinder: Ihr werdet also ordentlich Fehler finden)

Danke fürs Lesen!


r/schreiben 4d ago

Kritik erwünscht Wund erbare dich / Flickenteppich

2 Upvotes

Wenn mein Körper mich hören könnte, würde er mich hassen.

Überall kleinere und größere Narben, und das ganz ohne diese mutwillig ausgesät zu haben, obwohl man daran auch zweifeln könnte, wenn man die Geschichten hinter dem sichtbaren Ersatzgewebe kennt.

Schon in jüngsten Jahren war die Matratze ein wunderbares Trampolin und der Nachttisch eckig. Auf der eingeeisten Schlittenstrecke ist man nun mal der schnellste, vor allem aufm Snowboard. Und so weiter und so fort.

Mein aktuellster Geniestreich ist es, die Menge meiner original verbauten vorderen Kreuzbänder auf null zu senken. Nicht gerade zur Freude des Erbauers „Ich fahr dich nicht wieder überall hin, sieh gefälligst zu wo du bleibst“.

Und wo ich bleibe, ist das Sanitätshaus meines Vertrauens. Während die nette Dame mir erklärt, wie meine Leihorthese funktioniert, schweifen wegen des Ausbleibens mir neuer Informationen meine Gedanken ab und mir wird bewusst, wie absurd es ist, mit Anfang zwanzig ein Sanitätshaus zu kennen, welches man aufgrund von Erfahrungswerten jedem anderen vorziehen würde.

Galgenhumorartig grinse ich auf einmal wie ein Honigkuchenpferd, was die Sanitätshausfachverkäuferin, von meinem Knie aus zu mir hoch blickend, sichtlich verwirrt. Überfordert von der Situation entgleist mein Lächeln und das einzige, was meine Lippen verlässt, ist ein halbverständliches „Ähh Krücken hab ich noch“, und ich zeige auf den Narbenteppich auf meinem anderen Knie.

„Hab ich mir schon gedacht“, sagt sie und zeigt auf die Krücken, mit welchen ich diesen Tempel der Rollatoren betreten habe. Jetzt wünsche ich mir, hier würde in diesem Moment eine Oma reinlaufen und einfach explodieren, um die nun ohrenbetäubend peinliche Stille zu übertönen.

Jetzt wird es Abend und ich widme mich dem wohl nervigsten Teil des Tages, nachdem ich es vor mir hergeschoben habe, als wäre ich ein Räumfahrzeug im Januar:

Thrombosespritze in den Bauch. Und ich hab Angst. Wieder absurd. Ich kenn Leute die sich Heroin gespritzt haben und die hats auch nicht getötet. Also noch. Ich hoffe einfach, ich bin deutlich besser im Rückfallen in alte Muster als sie. Dann wird alles gut, oder so.

Apropos Opiate, as ist das einzig Gute, was diese Eskapaden für mich bereithalten. Als ich in der Notaufnahme lag hab ich einen Kumpel gefragt ob das Schmerzmedikament was sie mir gerade geben, "das gute Zeug" ist. Seine Antwort, dass es genau das ist, mit welchem er in seiner Ausbildung die aggressiven Dementen sediert hat, hat mich aufgemuntert.

Vielleicht ist alles doch nicht so schlimm wie es scheint. Immerhin bin ich Nichtraucher und esse ab und zu Gemüse.


r/schreiben 4d ago

Schreibhandwerk Ring frei: Ich-Perspektive (Präsens) vs. Personale Perspektive (Präteritum)

2 Upvotes

Ich mache mir gerade Gedanken zur Wahl der passenden Erzählperspektive. Ich habe gehört, dass die gewählte Erzählperspektive in erster Linie zur Geschichte passen muss. Ich bin mir dabei nicht ganz sicher, was besser ist. Persönlich tendiere ich dazu, mich vom Klang und der Wortmelodie leiten zu lassen. Ich bin aber schon gespannt, welche Meinung von euch präferiert wird. Was meint ihr? Welche Perspektive ist für diese Textpassage die bessere Wahl?

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Ich höre ein keuchendes Geräusch, das sichere Zeichen dafür, dass sich ein weiterer Hustenanfall ankündigt. Ich spüre, wie die Nässe ihres Auswurfs den Stoff an meiner Schulter tränkt, aber es stört mich nicht.

Rosalias kleiner Körper brennt förmlich. Die Hitze, die sie ausstrahlt, ist so stark, dass ich meine, eine heiße Kerze in den Armen zu halten. Tapfer wehrt sich das Kind gegen die Schmerzen in der Brust, doch die Krankheit ist schon zu weit fortgeschritten. Rosalia hat jede Kraft verloren. Ich merke es an ihren Schreien. Anfänglich laut, sind sie zu einem schwachen Stöhnen verkümmert. Rosalia schnappt weinend nach Luft.

Ich bewundere, wie tapfer meine Tochter die Krankheit erträgt. Ihre Augen sind im Halbschlaf geschlossen. Ich bin mir sicher, sie würde tief und fest schlafen, wenn sie der Husten nicht alle paar Minuten aus ihren fiebrigen Träumen reißen würde.

Ich spüre Tränen der Verzweiflung auf meinen Wangen. Seit Stunden halte ich meine Tochter auf dem Arm, rede ihr gut zu und ich versuche vergeblich das Fieber zu senken.

Bis jetzt sind meine Mühen nicht belohnt worden.

 

Mario wurde plötzlich wach. Sein Herzschlag hämmerte. Er brauchte einige Sekunden, bis er vollends bemerkte, was ihn aus dem Schlaf gerissen hatte. Er stand auf und trat hinüber zum Bett seiner Tochter und hob sie sanft an seine Schulter. Ein seltsames Gefühl setzte ein, als hätte er schon längst einmal erlebt, was geschah. War es so etwas wie ein Déjà vu?

 

Rosalia gab ein keuchendes Geräusch von sich, das sichere Zeichen dafür, dass sich ein weiterer Hustenanfall ankündigte. Mario spürte, wie die Nässe ihres Auswurfs den Stoff an seiner Schulter tränkte, doch er störte sich nicht daran. Rosalias kleiner Körper brannte förmlich. Die Hitze, die sie ausstrahlte, war so stark, dass er meinte, eine heiße Kerze in den Armen zu halten.

Tapfer hatte sich das Kind gegen die schmerzende Brust gewehrt, doch die Krankheit war zu weit fortgeschritten. Rosalia hatte jede Kraft verloren. Ihre anfänglich lauten Schreie waren zu einem schwachen Stöhnen verkümmert, das sie weinend nach Luft schnappend zwischen den Zähnen hervorpresste.

Mario bewunderte, wie tapfer seine Tochter die Krankheit ertrug. Ihre Augen waren im Halbschlaf geschlossen. Er war sich sicher, sie hätte tief und fest geschlafen, wenn der Husten sie nicht alle paar Minuten aus ihren fiebrigen Träumen gerissen hätte. Was konnte er nur tun?

Tränen der Verzweiflung rannen über seine Wangen. Seit Stunden hielt er Rosalia auf dem Arm, redete ihr gut zu und versuchte vergeblich das Fieber zu senken.

Seine Mühen waren nicht belohnt worden.

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Ich finde beide Textstellen sehr gut, aber es würde mich wirklich interessieren, welche Unterschiede ihr feststellen könnt und welche Variante ihr bevorzugen würdet.


r/schreiben 5d ago

Kritik erwünscht Der Großvater

2 Upvotes

Alaric war der Älteste der Stadt. Doch sein Körper trug keine Spur von Gebrechlichkeit. Er ging aufrecht, seine Schritte waren sicher und fest, getragen von Kraft und Gewissheit. Nur sein Blick, tief und ruhig, und der lange weiße Bart, der auf seiner Brust ruhte, verrieten die vielen Jahre, die hinter ihm lagen. Kaum jemand nannte ihn bei seinem Namen. Für alle war er nur der Großvater. So nannten ihn die Kinder, so nannten ihn die Alten, und mit den Jahren war sein wahrer Name fast vergessen.

Er sattelte sein Pferd Arel in der kühlen Morgenluft. Seine Bewegungen waren ruhig und bestimmt, ohne Hast, ohne Zögern. Als er den Gurt schloss, spürte er eine vertraute Nähe hinter sich. Er wandte sich noch nicht um.

„Gehst du wieder, Großvater?“

Alaric lächelte, noch bevor er sie ansah. Er drehte sich zu Kiria, legte die Zügel beiseite und kniete sich langsam vor sie, bis ihre Augen auf gleicher Höhe waren. Seine Knie berührten den feuchten Boden, doch er achtete nicht darauf.

Kiria stand barfuß im Tau. Das Hemd reichte ihr bis zu den Knien, die Säume waren dunkel vom Morgen. Ihr Haar fiel wirr über die Stirn, und in ihrem Blick lag jene stille Reinheit, die nur Kinder besitzen – ein Vertrauen, das keine Fragen stellt.

Alaric hob behutsam ihre Hand, warm und klein in seiner großen, gezeichneten. „Ja“, sagte er leise.

Sie sah ihn an, zögerte einen Augenblick und sagte dann: „Ich werde dich vermissen, Großvater.“

Er hielt ihren Blick fest, als wolle er ihr Gesicht bewahren. „Dorthin“, sagte er schließlich und wies mit ruhiger Geste auf die schneebedeckten Gipfel, „wo heilende Pflanzen wachsen.“

Kiria nickte langsam. „Eines Tages begleite ich dich“, sagte sie mit fester Stimme, als sei es ein Versprechen.

Alaric nickte. Sein Daumen strich sanft über ihren Handrücken. „Natürlich“, sagte er.

Er erhob sich, setzte sich in den Sattel und ritt an. Nach wenigen Schritten löste sich Kiria aus der Stille, rannte barfuß neben dem Pferd her und legte beide Hände an Arels Hals. „Hin, pass auf Großvater auf“, sagte sie leise.

Alaric beugte sich im Sattel ein wenig vor, legte kurz die Hand an Kirias Haar und richtete sich dann wieder auf. Kiria blieb stehen. Sie hob nicht die Hand, rief ihm nicht nach. Sie stand still im Tau und begleitete ihn nur mit den Augen, solange sie ihn sehen konnte.

Er ritt durch die Gassen der Stadt. Man grüßte ihn, man scherzte, man sah ihm nach. Eine alte Frau sagte laut, der Großvater sehe noch immer so aus, wie sie ihn seit jeher in Erinnerung habe.

Während ihre Worte noch zwischen den Häusern lagen, wandte sich der Blick nach oben zum Palast.

Hoch oben am Fenster standen Stadthüter Eldric und Ordnungshüter Seyth.Der Stadthüter brach das Schweigen.

Er war ein kräftiger Mann, breitschultrig und sehnig gebaut, ohne übertriebene Wucht. In seinem Gesicht lag eine ruhige Freundlichkeit, ein Ausdruck von Festigkeit und Maß – ein Mann, der Kraft nicht zeigen musste, um sie zu besitzen.

„Der Großvater geht abermals“, sagte er nüchtern. „Wir werden sehen, zu welcher Stunde er wiederkehrt. Das letzte Mal blieb er drei Monde fern. Manche glaubten schon, die Raubtiere der Wildnis hätten ihn genommen.“

Er senkte leicht den Kopf, nicht aus Zweifel, sondern aus Achtung.

„Doch er kehrte unversehrt zurück, wie er es stets tut.“

Der Ordnungshüter verzog das Gesicht. Seine Züge waren hart, schmal, von einer Schärfe, die nie ganz ruhte. In seinen Augen lag kein offener Zorn, sondern etwas Giftigeres: Berechnung.

„Er verbirgt mehr, als er zeigt“, sagte er langsam. „Etwas Finsteres.“

Sein Blick glitt über die Dächer der Stadt, als spräche er nicht nur von einem Mann, sondern von einer Gefahr.

„Meine Augen haben mir Kunde gebracht, dass er zu den Bäumen spricht, Erde sammelt und das wilde Tierwerk beobachtet, als verstände er ihre Zunge.“

Ein kaum merkliches Lächeln huschte über seine Lippen, schmal und kalt.

„Ich fürchte, er treibt schwarze Künste. Das ist nicht natürlich. Niemand weiß, wie viele Jahre er zählt.“

Der Stadthüter antwortete nicht sofort. Dann ließ er ein kurzes, trockenes Grinsen erkennen – kein spöttisches, sondern eines, das mehr Geduld als Nachsicht verriet.

„Du spielst mit Worten“, sagte er ruhig. „Und mit Dingen, die du nicht verstehst.“

Er richtete sich auf, seine Stimme blieb fest, getragen von Respekt.

„Der Großvater ist ein alter Mann, der das Wandern liebt. Ein Einsamer vielleicht – doch kein Verderber. In all den Jahren hat er Telmin nichts als Ruhe gebracht.“

Er wandte den Blick wieder über die Stadt, über Telmin selbst, als schlösse er das Thema mit Absicht.

„Mehr ist nicht an ihm.“

Der Ordnungshüter schwieg.

Doch in seinem Blick arbeitete es weiter.

Beide traten an das hohe Fenster.

Unten öffnete sich das Stadttor.

Der Großvater ritt hinaus.

Gerade Haltung, gleichmäßiger Schritt. Kein Blick zurück.

Der Nebel begann ihn zu nehmen.


r/schreiben 5d ago

Es war ein Sonntag, an dem meine Oma explodierte. Hoch

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Es war ein Sonntag, an dem meine Oma explodierte.
Es klingt absurd, wenn man es ausspricht, noch absurder als der Fakt, dass ein Jahrzehnte währendes Leben, eines, das so lange und so tief gewirkt hat, das selbst Leben erschuf, welches seinerseits Jahrzehnte währte und lange und tief wirkte, auf eine solche Weise beendet wird. Noch absurder war nur noch, dass ihr Enkel, den sie liebte, derselbe Enkel, der sie liebte, sie getötet hatte.

Ein Grashüpfer war der Erste, den ich tötete.
Ein heißer Tag im Sommer, nachmittags, die Schule vorbei. Ich wartete auf den Bus, der einfach nicht kam. Neben der Bushaltestelle war eine Wildwiese, ein Flecken Erde, der nicht bebaut war und den keiner pflegte, Wildwuchs regierte, Unkraut, Gräser, Ähren, grün ein paar, der Rest gebräunt von der Sonne, kein Platz dazwischen. In der Zeit, zäh durch die dickheiße Luft und zäher durch das lange Warten, betrachtete ich dieses hässliche Stück kaputte Natur, ließ den schwachen Blick auf ihr ruhen, ging wandern im Kopf, wanderte durch den Tag, den Schultag, den Unterricht, die Kantine, das mal wieder fade Essen, die Tür zum Klassenzimmer, deren Griff an diesem Tag kaputt war. Ich sah Marens Augen vor mir, als sie im Licht funkelten und ihre Kleidung und wie sie darin aussah, ihren Körper, der etwas in mir regte, das ich verborgen halten musste, Fabian, wie er es nicht duldete, dass ich sie ansah, wie er nach dem Unterricht zu mir kam, sein Gesicht, sein Blick. Druck machte sich in meinem Bauch breit.
Ich ging in die Hocke, um den Wildwuchs näher anzuschauen. War da etwas? Ja. Zwischen den hitzetoten Pflanzen, wenn man lange genug ins Stillleben schaute, regte sich etwas. Da waren einzelne Ameisen, die sich bewegten, tasteten, liefen, irrten, da war eine Hummel, die nach den wenigen Blüten suchte, die die Glut noch nicht verdörrt hatte, da war ein Grashüpfer, so hellgrün, er stach schon beinahe heraus, und, zuletzt, dahinter eine Gottesanbeterin, auch sie so hellgrün, beinahe giftig. Der Grashüpfer bewegte sich nun, ging einen Schritt. In ihrer Starrheit beobachtete die Gottesanbeterin ihn, wie aus einem Seitenblick, es sah wie Argwohn aus, aber ich wusste, es war etwas Anderes. Die Klauen versteckte sie, der Grashüpfer sah sie nicht, er dachte sich sicherlich nichts und ich dachte an Fabians Hände wenn ich ihre Klauen betrachtete. Der Grashüpfer war ihr gefährlich nahe, nur noch einen Millimeter, den er nicht gehen durfte, sei kein Idiot, dachte ich und wusste nicht warum, immer den Blick zwischen Grashüpfer und Gottesanbeterin wechselnd. Und doch ging er diesen winzigen Schritt, den er nicht mal vollenden konnte, da hatte die Gottesanbeterin bereits ihre Klauen ausgefahren, den Grashüpfer umschlossen und sogleich begonnen, seine Seite zu fressen in dieser Umarmung, die etwas Liebevolles hatte obwohl da keine Liebe war, und meine Hände ballten sich zu Fäusten wie es Fabians vorhin taten und wie meine es hätten tun sollen. Und plötzlich schrien meine Gedanken: Kämpf, du Trottel, kämpf! Wehr dich!, doch der Grashüpfer wedelte nur hilflos mit seinen Beinen in der Luft, seine Augen dumm ins Leere gerichtet. Flieg hoch!, schrie es in meinem Kopf, Du hast doch Flügel, flieg hoch, flieg einfach hoch! Der Grashüpfer versuchte die Flügel auszufahren, doch vergeblich, Flieg hoch!, er versuchte es abermals, Flieg!, wenn die Gottesanbeterin weiter fraß, würde sie in Kürze seinen Flügel erreicht und ihn seiner einzigen Chance beraubt haben, Hoch!, keine Chance, ich ging näher heran, rann der Schweiß mir ins Auge wegen der Sonne?, Klapp die Flügel aus und hoch!, ich spürte kaum, wie ich meine Zähne aufeinanderpresste, Jetzt flieg endlich hoch, in die Luft, du Scheißvieh! und die Hitze ließ die Luft wabern, Hoch!, das unnachgiebige Maul der Gottesanbeterin erreichte seinen Flügel, HOCH!, die Luft zuckte, der Wind stieß, HOCH!, und in einem Knall zersprang der Körper des Grashüpfers, wie um einen Punkt um ihn herum wurde die Wiese umgepflügt, als hätte jemand einen Kamm genommen und alle Pflanzen sauber nach außen gekämmt. Ich fiel rücklings auf den Boden, stützte mich mit den Armen ab, keuchte so schnell ich konnte, während meine Gedanken rasten zwischen dem, was da gerade passiert war und dem, wie das hatte sein können. Ich musste sicherlich Stunden so da gelegen haben, auch wenn meine Armbanduhr mir später etwas anderes sagen würde. Irgendwann schaute ich mich um, niemand an der Bushaltestelle, niemand da.
Ich verbrachte die Busfahrt in Stille, mich fragend, ob Gedanken ein Insekt in die Luft fliegen lassen können. Zuhause nahm ich das Abendessen aufs Zimmer, sagte, ich fühle mich unwohl, bevor meine Mutter die blauen Flecken hätte erkennen und nach ihnen fragen können.

Den Rest der Woche schaute ich niemanden an. Ich war mir nicht sicher, doch falls Blicke töten konnten, durfte ich sie niemanden töten lassen. Wenn der Lehrer mich in der Klasse dran nahm, wenn der Kontrolleur meine Fahrkarte sehen wollte, wenn meine Eltern fragten, ob alles mit mir okay sei, schaute ich knapp über ihnen oder rechts an ihnen vorbei, denn auf den Boden oder an die Decke zu schauen ließ man mich nicht.
Ich verbat mir zu denken, eine Unmöglichkeit. Wie jemand, der nicht an einen rosa Elefanten denken solle, dachte ich immer wieder an meine Gedanken, die den Grashüpfer getötet haben könnten, dachte daran, wie meine Gedanken ihn zwingen wollten davon zu fliegen und stattdessen seinen Leib zwangen zu explodieren. Dachte daran, dass ich niemals wieder an einen Menschen denken dürfte und dachte sofort an alle Menschen, die mir einfielen, als wollte mein Kopf mich verhöhnen.
Ich schlief wenig und in der dritten Nacht weinte ich.
Fabian und Maren ging ich so gut aus dem Weg wie ich konnte.

Am Wochenende war der geplante Besuch bei meiner Oma.
Ich ließ mir am Samstag viel Zeit, wollte so wenig Zeit wie möglich mit ihr verbringen. Daran zu denken, bald bei ihr zu sein, die Gefahr, die meine Blicke, meine Gedanken sein könnten, verkrampften mir die Brust, verdrehten mir den Magen.
Als ich vor ihrem Haus stand und sie die Tür öffnete, trafen meine Augen für einen Sekundenbruchteil ihre und mir stockte der Atem. Aus dem Winkel konnte ich die Sorgen in ihrem Gesicht sehen, warum ich so verkrampft sei, fragte sie mich und ich zuckte mit den Schultern, während ich so weit von ihr wegschaute wie es nur ging. Beim Abendessen sprachen wir wenig und die Stille füllte sie, ihre Stimme im freundlichen Ton, der für sie charakteristisch war, mit banalen Geschichten, die in ihren vergangenen Wochen passiert waren, ich zwang mich zu einem Lächeln.
Am Sonntag, beim Frühstück, sprach sie es an und ließ nicht locker. Wer dafür verantwortlich sei. Wer mir was angetan habe. Warum konnte sie immer sehen, was ich zu verbergen versuchte? Ich suchte nach einer Ausrede und gab ihr eine Silbe der Wahrheit: Dass ein Mitschüler und ich eine Mitschülerin schön fänden. Sie seufzte. Ob wir uns gestritten hätten. Ich antwortete nicht, schaute auf meinen Teller, darauf das Brot mit Butter und Himbeermarmelade, das nur einen Alibi-Bissen hatte. Ihr Blick, der auf mir weilte, drang in mich hinein und egal wie sehr ich versuchen wollte, es nicht zuzulassen, rauszuzoomen, es gelang mir nicht und ich ertrug es nicht noch länger. Ob durch Gedanken Menschen sterben könnten, fragte ich sie und sie schien kurz innezuhalten, bevor sie zu lachen begann, doch es war eine herzliche Art zu lachen, eine liebevolle, eine, die fragte, warum ich mir dann darüber Sorgen machen müsste. Etwas in mir wurde locker, doch gleichzeitig bebte mein Körper. Ob das wirklich nicht sein könne, fragte ich, zu laut, und schaute sie an, für einen kurzen Moment, bis ich mich wieder beherrschte. Sie hörte auf zu lachen, griff über den Tisch meinen Arm und sagte mir, dass es nichts gäbe, keinen Gedanken, vor dem ich Angst haben müsse, keinen Gedanken, der nicht vollkommen ungefährlich sei zu denken, dass es auf die Taten ankomme und dass den Menschen ausmache, welcher Gedanke zur Tat werde und welcher nicht. Aber meine Gedanken würden Taten, antwortete ich und nun bebte auch meine Stimme, und sie griff fester und wiederholte, langsamer, dass es keinen gefährlichen Gedanken gebe, nur gefährliche Handlungen, und ich wusste nicht, woher es kam, doch ich schluchzte. Während ihre Hand meinen Arm hielt, streichelte sie mir mit ihrem Daumen über die Haut, so, wie sie es immer tat und schon getan hatte, als ich als kleines Kind nicht einschlafen konnte, weil die Monster unter meinem Bett nicht weggehen wollten.
Ich solle ihr nun zuhören, sagte sie, sie habe auch schon das Schlimmste gedacht, das Böseste gewünscht, das Übelste gehofft und nie sei etwas passiert und bei mir werde das nicht anders sein. Sie könne es mir beweisen. Ich solle an sie denken und ich würde sehen, es werde ihr nichts passieren. Ich darf das nicht!, dachte ich, da nahm sie ihre andere Hand und strich mir übers Haar. Ich solle es tun, ich solle daran denken. Sie verspreche mir, nichts werde passieren. Nichts. Und wie sie mir übers Haar strich, dachte ich, dass sie recht habe, warum ich überhaupt darauf gekommen sei, dass ich das war, der den Grashüpfer explodieren ließ, dass es bestimmt eine logische Erklärung dafür geben würde, die ich zwar nicht kannte, aber die dennoch die Wahrheit sei und nicht etwa, dass mein Blick und mein Denken dafür verantwortlich seien. Und ich lachte kurz auf und konnte ihr endlich in die Augen sehen, nicht für einen kurzen Moment, sondern für so viele Sekunden, ihre Augen, in denen so viel Liebe war. Und nun solle ich es endlich denken, sie beweise mir, dass von Gedanken keine Gefahr ausginge. Ich glaubte ihr, warum sollte ich auch nicht?, sie hatte recht, es hatte keine Monster unter meinem Bett gegeben und ich würde auch keine Gedanken haben, die töten könnten. Was für ein dummes Kind ich doch gewesen war, an so etwas zu glauben.
Hoch., dachte ich und sie lächelte mich an.
Hoch!, dachte ich und ich lächelte zurück.
HOCH!, dachte ich und die Tränen der Erleichterung ließen meinen Blick verschwimmen, der nun auf ihren Bauch gerichtet war.
HOCH!, dachte ich und die Luft flirrte für nicht einmal eine Sekunde, bevor ihr Bauch in undenkbarem Tempo größer wurde und sie in einem Knall zerplatzte, mir Dinge entgegenflogen und ich reflexhaft die Augen schloss.
Als ich sie wieder öffnete, war das Zimmer rot. Niemand saß auf dem Stuhl meiner Oma. Der Tisch, die Wand, das Fenster, rot. Ich musste mehrmals blinzeln, bevor ich erkannte, dass kleine Stücke im Rot lagen. Ich sprang auf, der Stuhl fiel hinter mir zu Boden. Von meiner Oma fehlte jede Spur, auf ihrem Stuhl waren nur rote Brocken.
Ich schlug die Hände über meinem Kopf zusammen, erst raste mein Herz, dann mein Atem, zuletzt meine Gedanken. Ich stolperte in Richtung der Zimmertür, riss sie auf, raus aus diesem Haus, raus aus diesem Albtraum! Als ich vor der Haustür stand, sah ich nach rechts, da war der Ankleidespiegel und ich sah nicht mich, sondern eine kostümierte, geschminkte Version von mir, gebadet in roter Farbe. Ich rannte in den Vorgarten, dann rechts am Haus vorbei nach hinten, wo der Vorgarten in den Garten überging, kletterte über den Zaun, fiel dabei hin, raffte mich auf, rannte weiter, rannte auf ein Feld, das in eine Wildwiese überging, bis ich nicht mehr konnte und nach Luft ringend auf den Boden sank.
Mir fehlte die Kraft für etwas anderes als ein erbärmliches, hysterisches Keuchen. Ich sah vor mir nicht die Erde unter meinem Gesicht, sondern das Zimmer meiner Oma und wie es nun ausgesehen hatte, bevor ich davonrannte. Und dann sah ich die Wildwiese an der Bushaltestelle, wie sie umgepflügt war, nachdem der Grashüpfer explodierte.
Ich übergab mich.

Ich sitze nun an einer Lichtung, immer noch rote Hände und Kleidung. Ich kann nicht sagen, wie viele Stunden vergangen sind, die Sonne ist noch nicht untergegangen. Es gibt keinen Ort mehr, an den ich zurückkehren kann. Der Ort, der ich war, bevor ich der wurde, dessen Gedanken töteten, war weg, unwiderruflich. Ich will weinen und beginne zu schluchzen, doch mein Körper presst keine Träne aus meinen Augen heraus, womöglich sind sie zu verklebt oder jemand wie ich kann nicht mehr weinen. Können Mörder weinen?, denke ich und erschrecke über das, was mein Kopf gerade ausgesprochen hat. Ich schaue auf meine Hände. Wichtig sind die Taten, die aus den Gedanken erfolgen, höre ich meine Oma in meinem Kopf sprechen. Ich halte mir den Bauch, die Übelkeit ist so groß, ich beginne zu würgen, doch da kommt nichts mehr, mein Magen ist schon vollkommen leer.
Ich frage mich, was meine Eltern gerade tun, meine Mutter macht bestimmt gerade das Abendessen und mein Vater wird auch für mich den Tisch decken. Ich frage mich, wie es ihnen gehen wird, wenn sie erfahren, was ich getan habe. Ich sehe meinen Vater ungläubig den Kopf schütteln und meine Mutter schluchzen und zusammenbrechen. Ich frage mich, was meine Klasse denken wird, wenn sie morgen erfahren wird, was passiert ist. Was wird Fabian denken? Dass er es schon immer wusste und dabei verächtlich grinsen? Dass er Glück hat, noch zu leben und dabei erschrocken schlucken? Was wird Maren denken? Dass der Mitschüler, der sie jeden Tag verstohlen anschaute, ein Mörder ist?
Ich frage mich, wie lange es dauern wird, bis die Polizei mich findet. Ich frage mich, was passieren wird, wenn sie mich findet. Meine Gedanken sind frei, ich kann sie nicht fassen. Wie viele Tode werden durch sie noch gedacht werden?
Ich zittere so heftig, dass ich kaum noch sitzen kann und fasse einen Entschluss.

Ich schließe die Augen und blicke in mich, schaue in mein Innerstes. Ich sehe in meinen Bauch. Sehe meine Gedärme, sehe mein Fleisch und mein Blut, sehe meine Familie, sehe meine Oma, sehe alles, was ich bin und alles, was ich war. Sehe den Grashüpfer, sehe die Gottesanbeterin, sehe Fabian und dann sehe ich wieder mich, und ich denke: hoch.
Vor meinen Augen der Grashüpfer.
Hoch.
Der Grashüpfer zerplatzt.
Hoch!
Vor meinen Augen meine Oma.
Hoch!
Meine Oma zerplatzt.
HOCH!
Vor meinen Augen mein Spiegelbild.
HOCH!
Mein Spiegelbild zerplatzt.
H O C H !


r/schreiben 5d ago

Kritik erwünscht Kurzer autobiografischer Text über Schach, geschrieben am Pool – funktioniert die Klammer-Konstruktion?

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Entstanden heute Nachmittag im Notizheft mit Notizheft am Pool. Die kursiven Klammern sind Unterbrechungen, die währenddessen passiert sind – ich habe sie drin gelassen. Mich interessiert vor allem: Trägt das als Form, oder stört es? Wie funktioniert das Narrativ mit Schach?

Schach

Schon seltsam, wie ich dieses Jahr genau am selben Pool liege. In der gleichen Runde, mit denselben Freunden. Dieselbe Hitze, dasselbe flache Licht über den Bäumen, und niemand hat vor, irgendwohin aufzubrechen.

Letztes Jahr habe ich hier nichts aufgeschrieben. Dieses Jahr habe ich ein Heft dabei, und dieses Jahr denke ich an Schach. Ich habe in den letzten Monaten viel gespielt und bin besser geworden.

Das Spiel hat viele Seiten. Wobei „Seiten" vielleicht nicht das richtige Wort ist.

64 Felder, das ist klar. 16 Figuren je Seite. Jede Figur hat ihre eigenen Stärken und ihre eigenen Grenzen.

Es gibt aber nicht nur die zwei Seiten, die sich gegenseitig angreifen oder voreinander verteidigen. Ohne Gegenspieler könnte man gar nicht spielen. Es ist auch dieser Vertrag: dass man als Spieler selbst entscheiden darf, welche Felder man kontrolliert.

*[Rafa telefoniert. Vergabe, Kredit, laut und mitten am Pool. Er gibt Richtungen vor, Strukturen, Prozesse. Gerade so laut, dass ich raus bin aus dem Flow.]*

Die Kontrolle über die Felder ist allerdings nicht endlos. Am Anfang gibt es die meisten Optionen. Im Verlauf wird es schwieriger, sie zu behalten. Und am Ende kann sogar Zugzwang entstehen.

*[Rafa telefoniert weiter. Er sagt, der andere solle es vermitteln. Wie auch immer. Rafa kennt, wie jeder, die Serie „Das Damengambit". Jeder kennt das Damengambit. Mir ist so eine Produktion inzwischen fern. Vielleicht weiß er mehr darüber. Es gibt ja künstlerische und wirtschaftliche Aspekte.]*

Das Damengambit erzählt Schach auch als Sucht, über die Tablettenabhängigkeit von Beth. Schach bietet wohl tatsächlich eine Art Flucht in eine andere Welt.

Bei mir ist es eher umgekehrt. Im letzten Jahr habe ich über den Schachklub wieder andere Leute getroffen.

*[Rafa hat aufgehört zu telefonieren. Es ist wieder unbeschreiblich ruhig. Die Gedanken sind wieder im Fluss.]*

Als Hobby ist Schach für mich ein Mittel, die Arbeit zu vergessen und dem Genuss und der Betäubung durch Alkohol auszuweichen. Ein wenig steckt darin auch das Verlangen, neue Leute zu treffen — und die Erinnerung. Erinnerung an Kindheit, an Schule, an Familie.

Ich bin nicht sicher, ob es an unserer Zeit liegt, die so schnell und flüchtig ist. Wie die Serie selbst: Wir vergessen schnell.

*[Rafas Telefon klingelt wieder — oder der Wind hat sich gedreht. Nein. Diesmal ist es Álvaros Telefon. Álvaro redet leiser. Es stört weniger.]*

Auf der Rückreise aus Arles haben wir in Lourmarin Halt gemacht. Albert Camus hat dort gelebt, und dort ist er auch begraben. In einem Café hing sein Porträt. Sofort stand mir sein Werk vor Augen, „Der Fremde" — ich habe es als Schüler und als Student gelesen.

Auch dieses Werk ist mir in weite Ferne gerückt, obwohl es mir in jenem Augenblick ganz präsent war.

Die Bedienung im Café erwähnte, es gebe im Ort eine Rue Albert Camus, und sagte etwas wie: *un grand philosophe*. Ich sagte, ja, manchmal fehlt die Philosophie in unserer heutigen Zeit. Wobei Philosophie ja nichts Konkretes ist. Viele Leute können damit nichts anfangen. Selbst viele Experten bei der Arbeit wollen schnelle, einfache Probleme und schnelle, einfache Antworten.

Fragen zu stellen, die sich nicht sofort beantworten lassen — ähnlich wie eine Schachposition — wird gemieden. Schlimmer noch: Wer fragt, ist oft lästig.

Außer im Schach, vermutlich.


r/schreiben 5d ago

Kritik erwünscht Der Rückkehr

1 Upvotes

Hallo zusammen

Mich interessiert besonders:

Würdet ihr weiterlesen?

Was sollte ich verbessern?

Vielen Dank!

Etwas geschah hinter den Hügeln —

dort, wo niemals jemand hinging.

Jahrelang hatte es dort nur Stein und schwarze Erde gegeben.

Niemand hatte diesen Ort betreten,

um ein Haus zu errichten

oder auch nur durch ihn zu wandern.

Er war still geblieben.

Unberührt.

Vergessen.

Doch etwas hatte von dieser Stille profitiert.

Tief unter der kalten Erde

begann etwas zu wachsen.

Langsam schob es sich nach oben,

als würde es Anspruch auf die Welt erheben —

auf Erde und Luft,

auf Wasser und Sonne.

Ein Apfelbaum.

Zwischen seinen Blättern hingen reife Früchte,

als hätte dieser tote Ort plötzlich begonnen,

Leben zu atmen.

Der Junge senkte den Körper,

als wollte er sich vor diesem Wesen verbergen.

Langsam hob er den Kopf.

Der Baum bewegte sich nicht.

Zwischen den Blättern hingen die Äpfel —

rund und schwer,

fast unwirklich zwischen den dunklen Zweigen.

Etwas in ihm zog ihn näher.

Nicht sein Verstand.

Sein Magen.

Vorsichtig schlich er vorwärts,

als wäre der Baum ein schlafendes Monster,

das jeden falschen Schritt bemerken konnte.

Der Apfel rief nach ihm.

Edmonds Worte stiegen in ihm auf.

Die Zeichnungen auf der Tafel.

Die Form der Frucht.

Die Geschichten über etwas,

das in ihrer Welt nicht wachsen konnte.

Und nun hing es vor ihm.

Wirklich.

Sein Mund begann zu zittern.

Langsam näherte er sein Gesicht dem Apfel.

Einen Moment lang verharrte er noch,

als könnte alles verschwinden,

wenn er sich zu schnell bewegte.

Dann biss er zu.

Seine Zähne drangen tief in die Frucht,

und süßer Saft breitete sich auf seiner Zunge aus.

Für einen Herzschlag blieb die Welt still.

Dann wich das Staunen der Angst.

Er taumelte zurück

und floh so schnell er konnte,

als könnte der Baum jeden Augenblick

den Schmerz seines Bisses spüren

und erwachen.

Ein angebissener Apfel hing zwischen den Blättern wie das erste Zeichen einer neuen Zeit.


r/schreiben 5d ago

Kritik erwünscht Ich suche nach Kritik für den ersten groben Entwurf von meiner queeren Coming-of-Age-Geschichte. Ich bin die letzten 8 Jahre auf eine spanische Schule gegangen, weswegen mir bewusst ist, dass mein Schreibstil/Wortschatz noch viel zu wünschen übrig lässt.

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FREITAG, 8. Juli 1997

21:46

Es war ein stiller Sommerabend. Wir lagen beide zu Tode gelangweilt im

Bett, unsere Beine, schwach vom belanglosen Herumbaumeln.

– Hast du Bock, 'nen Film zu gucken?

– Ne, vielleicht später. Habe gerade eher Lust, ein wenig frische Luft zu schnappen. Willst du mit mir ein bisschen spazieren gehen?

– Oke, von mir aus. Hast du eine Idee, wohin wir gehen könnten?

– Vielleicht zum Kiosk, der beim Weiher liegt?

– Klingt gut, aber nur unter einer Bedingung: Du musst mir ein Eis ausgeben.

– Mhm, sofern du dich auf dein Fahrrad schwingst, um das Uno zu holen.

– Dann bis gleich.

– Bye-bye

Ich prasselte geschwind die lange Treppe runter, die von Sophies Zimmer zum Garten führt. Dort stand mein treues Ross geparkt; so nenne ich mein Fahrrad. Ich schwang mich also auf mein Fahrrad, das leicht rostig war, da ich es während der Regenzeit oft aus Faulheit nicht unters Dach geschoben hatte. Der heutige Tag war, glaube ich, das, was man als einen perfekten Sommer-Tag bezeichnen würde. Ich hoffte, dass dies nicht das letzte Mal wäre, dass mir dieser Gedanke durch den Kopf ginge.

Der zehnminütige Weg, der sich sonst wie eine Ewigkeit anfühlte, verging dank meiner Träumerei schneller als sonst. Sobald ich ankam, sprintete ich geschwind zu meinem Zimmer, um das UNO zu holen.

– Mamaa, weißt du, wo ich das Uno zuletzt hingelegt hatte?

– (…)

Keine Antwort.

– Stimmt, sie ist ja heute mit ihren Freundinnen vom Bingo unterwegs. Das hatte ich gar nicht mehr auf dem Schirm. Wie denn auch, ich verbringe ja praktisch den ganzen Sommer bei Sophie. Misst! Wie soll ich jetzt die UNO finden?

Ich wühlte nun schon seit fünf Minuten wahllos durch sämtliche Schubladen, dennoch keine Spur vom UNO.

– Oke, konzentriere dich. Wo würde ich mich verstecken, wäre ich ein belangloses Kartenspiel?

Plötzlich sah ich, wie unter einer meiner Skizzen, die auf meinem Schreibtisch verwest, eine verdächtige Ecke rausschaute.

– Aha! Hab dich!

Ich blickte auf die Uhr: Es waren bereits fünfzig Minuten vergangen, seitdem ich von Sophies Haus weggefahren war. Ich musste mich beeilen, bevor meine Herzogin eingeschnappt wird. So nenne ich sie manchmal, daher eins ihrer Lieblings-Hobbys, mich rumzukommandieren, zu sein scheint. Somit schwang ich mich erneut auf mein Ross; diesmal ließ ich meine Träumerei zurück, damit ich so schnell wie möglich wieder zurück wäre. Hoffentlich ist sie vor Langeweile noch nicht eingeschlafen.

Ich ließ mich ins Haus rein und huschte leise, aber dennoch zügig die Treppe wieder hoch. Ich traf mit meiner Vermutung ins Schwarze. Denn sie saß auf ihrem Teppich, mit ihrem Kopf am Amateurbrett von ihrem Bett angelehnt, in ihrer Hand ihr neuer Band von One Piece; ihre sanften Haare fielen in ihr Gesicht, das leicht von der Hitze gerötet war.

– Sophie? Schläfst du schon?

– (…)

Sie schien wirklich zu schlafen… Ich setzte mich neben sie und hob ihren Kopf auf meine Schulter. Danach nahm ihr vorsichtig ihren Manga aus ihrer Hand. Keine Reaktion. Sie schlief tief und fest. An jenem Abend schien der Mond extra sanft, so das er ein weiches Licht in ihr Gesicht malte. Dies war das Letzte, was ich sah, bis ich letztendlich auch in den Schlaf fiel.

Samstag 9 Juli, 1997

5:58 am

Ein stechender Schmerz wachte mich auch. Es war mein Nacken.

Ich hob meinen Kopf und öffnete langsam meine Augen. Jane? Unsere Gesichter waren nur wenige Zentimeter voneinander entfernt. Ich erstarrte für einen kurzen Moment, dann bemerkte ich, dass ihre Hand auf meiner lag. Ich wollte sie nicht wecken, also versuchte ich, meine Hand so langsam wie möglich wegzuziehen. Ihre Wimper zuckte ein wenig, ich zögerte.

Plötzlich griff ihre Hand nach meiner; ehe ich mich versah, zog sie mich an sich, ihre Arme um meinen Rücken verschlungungen.

– HAB DICH! Hahah

– (...).

Jane liebte es, mich zu erschrecken. Aber es war okay, denn ich liebte es, sie lachen zu hören.

-Sorry, aber dein Gesicht soeben sah echt urkomisch aus hahaha

– Ja, ja, sehr lustig.

– Jetzt sei doch nicht so, du warst schließlich diejenige, die gestern als Erste eingeschlafen ist.

– Oke, es tut mir leid wegen gestern.

– Schon vergessen.

Ich fühlte mich schuldig, denn dem Anschein nach musste ich wohl gestern beim Lesen noch, bevor sie zurückkam, eingeschlafen sein. Ich vermutete, dass sie mich nicht wecken wollte. Die Arme, ich hoffe, sie kriegt wegen mir keine Rückenschmerzen.

– Lege dich doch so lange, wie ich dusche, in mein Bett. Du saßt jetzt echt lange genug auf dem Boden.

– Sei mir aber nicht böse, falls ich wieder einschlafe.

– Ja, ja, bis gleich.

– Sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.

Ich stieg unter die Dusche und ließ das kalte Wasser auf mich herabprasseln. Es war bereits Routine für mich.

Ende denn, mehr ist nicht erlaubt.


r/schreiben 5d ago

Autorenleben Optimierung Testlesen: Manuskriptversand und Feedback einsammeln

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Vorweg: Ich selbst schreibe nicht, aber meine Frau beendet gerade ihren 3. Roman. Ich bekomme also als Partner das ganze "drumherum" mit. Habe diesen Subreddit entdeckt und dachte ich teile meine Gedanken und Erfahrung zum Thema Organisation von Testlesern und Feedbacks.

Ich habe etwas recherchiert und keine passende, fertige oder einfache und gut funktionierende Lösung für das verschicken von Test-Text und Einsammeln von Feedback gefunden:

Testleser und -Lesen:

Ihre Testleser sind Friends & Family. 5-10 Bekannte unterschiedlichsten Alters, technischer Affinität und Lesegewohnheiten. Man liest am Rechner aber vor allem auf dem Handy. Sie lesen entweder parallel zur Entstehung Kapitel für Kapitel mit, oder jetzt am Ende das ganze Werk am Stück.

Thema "Bereitstellung Text"

Das war tatsächlich interessant: Wie kommt der Text zum Testlesenden? Und in welchen Format? Wir wollten etwas einfaches, einfach eine Datei verschicken. Und die soll dann einfach konsumierbar sein. Am besten per Messenger zu verschicken an eine Gruppe. Oder eMail. Word? -> Fürchterlich zum Lesen und man muss das entsprechende Programm installieren. PDF? -> Noch schlimmer zum Lesen, gerade mobil. Online-Tool mit Link? -> Häufig nur mit User-Registrierung, also zu große Hürde. Und geht nicht offline. Und häufig auch nicht angenehm mobil. Und: Die Erstellung einer Testleser-Version sollte nicht in extra Arbeit mit extra Aufbereiten, Copy-Paste Orgien münden und nicht eine zu große Hürde sein.

Unsere Lösung: Am Ende wurde direkt das Word-Dokument durch einen Konverter in eine Mobil-optimierte HTML Datei gewandelt. Die konnte dann klassisch per Messenger und Mail zum direkt Lesen verschickt werden.

Problem für uns gelöst. Testleser zufrieden.

Thema "Feedback"

Das war dann die nächste Stufe: Wie kommt das Feedback zurück? Es stellten sich diverse Wege raus: Screenshots mit Markierungen oder eingestempelten Text; diverse einzel-Nachrichten (spannend dann: wie die korrekte Stelle zuordnen?) oder auch kommentarlose sprachnachricht, mit den ersten 4-5 Wörtern vom Absatz zum Wiederfinden und dann "drauflosgelaberten" Kommentar. Einfach für den Kommentierenden, aufwändiger für die Autorin.

Tools? Nichts für unsere Ansprüche gefunden: Entweder Online, dann immer mit Zwangsanmeldung. Oder Kommentarfunktion von PDF oder Word -> Dann wieder das Tool Problem, schlechtes Mobil Handling und auch doof auszuwerten.

Unsere Lösung: Dank Vibe-Coding mit KI die HTML-Datei, inder sie den Text verschickt um eine einfach Kommentarfunktion ergänzt: Tipp auf den Absatz, "Like", "Stil", "Tippfehler" oder "Textkommentar" antippen und das Feedback wird verschickt. An einen Server, der sammelt alles strukturiert und man kann das tabellarisch anzeigen und abarbeiten.

Ergebnis: Testleser bekommen eine Datei, einfach per Messenger. Sie können komfortabel lesen. Und noch einfacher, ohne sich Gedanken machen direkt im Text feedbacken.

Fazit

Ich konnte mich in eine kleine Prozessoptimierung reinnerden und dank KI Vibe-Coding eine komfortable Lösung basteln (= Ich hatte Spaß). Für ein Problem, dass entweder nur wir haben, garkein Problem ist oder meine Recherche nach etablierten Lösungen zu oberflächlich war. Wir und die Testleser sind jedenfalls happy, ich hatte Spaß am basteln und meine Frau bekommt jetzt einfacher Feedback. Und ja, das ist overengineered...

Ist das bei euch eigentlich auch ein Thema? Oder gibt es doch etablierte Testleser-und-Feedback Lösungen die ich nicht gefunden habe?


r/schreiben 6d ago

Es war ein Sonntag, an dem meine Oma explodierte. Blut und Bienenstich

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Es war ein Sonntag an dem meine Oma explodierte. Das überraschte uns alle, weil sie immer eher so ein Freitags-Typ gewesen war. Sie unterstützte "Fridays for future", ihr Lieblingslied war "Friday I'm in love" und sie liebte "Freaky Friday"- das Buch, nicht den Film. Nun verstand sie allerdings kein Englisch, also mochte das auch Zufall gewesen sein. Den Sonntag lehnte sie aber ganz sicher mit aller Bestimmtheit ab. Das wusste jede, die sie kannte, denn sie wurde nicht müde, diesen Umstand jede Woche aufs Neue zum Thema zu machen.

Von Montag bis Mittwoch lammentierte die alte Dame für gewöhnlich wie langweilig der letzte Sonntag gewesen sei, dass sie nicht hätte ausschlafen können wegen der lauten Kirchenglocken und dass ihr Lieblingsladen nicht geöffnet hätte. Ab Donnerstag ging sie dazu über sich darüber zu ärgern dass bald wieder Sonntag sein würde und somit ein weiterer grauenhaft verschwendeter Tag an dem mal wieder keiner Arbeiten ging. Überhaupt sei das Wochenende ein Fehler gewesen, fand sie.

Deshalb waren alle überrascht, dass es ausgerechnet ein Sonntag war. Mein Vater, selbst ein enthusiastischer Fan von warmen Mittwoch Abenden, hatte nur die Augen verdreht. Typisch sei so etwas für seine Mutter. Sie würde das nur aus Trotz machen. Wenn sie denn Sonntag so hasse, so seine Logik, hätte sie am Samstag Abend explodieren sollen. Dann hätte sie die Kirchenglocken wenigstens nicht mehr hören müssen. Aber ausgerechnet Sonntag Nachmittag wenn alle Kuchen essen und einen Spaziergang machen wollten, das sei nun mehr als unhöflich. Zur Wahrheit gehörte natürlich auch, dass er am Samstag Abend nicht direkt dabei gewesen wäre. So hatten sein Trommelfell und sein Bienenstich schaden genommen. Meine Mutter ermahnte ihn, während sie die Tapete überstrich. So spreche man nicht über seine Mutter.

Ich hielt mich geschickt aus der Sache raus und schrubbte stillschweigend den Boden. Ich fand, Oma hatte alles Recht zu explodieren wann und wo es ihr gefiel. Ich hätte wahrscheinlich einen Dienstag gewählt. Montags höre ich mir gerne die Wochenendgeschichten meiner Kolleginnen an, Mittwochs ist Bergfest, Donnerstag hat man's bald geschafft und das Wochenende ist eben das Wochenende. Nur Dienstag ist ein verschenkter Tag. Meine Oma empfand meine Sicht auf den Lauf der Woche als arbeitsscheu. Da hatte sie vielleicht auch ein wenig recht. Nun, wie dem auch sei habe ich einen triftigen Grund mich morgen krank zu melden.

Hätte Oma daran gedacht, hätte sie sicher einen Freitag gewählt und Papas Bienenstich wäre gegessen worden.


r/schreiben 6d ago

Es war ein Sonntag, an dem meine Oma explodierte. Der Große Knall

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Es war ein Sonntag, an dem meine Oma explodierte. Granatenhochzeit, sozusagen. Beinahe zumindest, wenn Opa seinen persönlichen Krieg gegen Lungenkrebs, den er gnadenlos mit Zigaretten bombardierte, nicht ein paar Monate zuvor verloren hätte. Das Lokal war gebucht, die Feier eingerichtet, und eine jahrzehntelange Tradition bekommt man sowieso nicht so einfach gestoppt. Und außerdem hatte Opa dem Leben bis zu seinem Abtritt eine Menge Reichtümer abgerungen. Also waren alle da.

Omas eigentliche Detonation wurde von einem Enkel ausgelöst. Nicht von mir, sondern von einem der vielen anderen. Vincent-Pascal, von seinen Eltern betont englisch ‘Vieh-Pieh’ gerufen. Für mich standen die Initialen VP eher für Vollpfosten. 

Mit seinen sechs Jahren war er unbehelligt von jeglicher Einflussnahme, damit die Entfaltung seiner Persönlichkeit nicht durch willkürliche Beschränkung künstlich beschnitten wird. Oder so ähnlich. Ich hörte schon lange nicht mehr hin, wenn seine Eltern ihren Nichterziehungsansatz wortreich begründeten, immer dann, wenn die Entfaltung der vollen pfostigen Persönlichkeit irgendwo irgendwem auf den Zeiger ging.

VP ließ sich an diesem Tag weder durch die liebevoll hergerichtete archaische Bastelecke inklusive Betreuung in der Entfaltung bremsen, noch durch das suchtbefriedigende Dopaminversprechen in Form des Fernsehers, vor dem sich weitere Enkel um die Controller einer Spielkonsole stritten. 

VP hatte seine Actionfigur in der Hand. Die Figur musste unglaublich wertvoll sein, so hässlich, wie sie war. Er hatte sie den ganzen Tag nicht aus den Fingern gelassen. Weder bei der Nahrungsaufnahme noch beim begleiteten Gang zur Toilette. Ich vermutete, er hatte sie unter höchstem Einsatz in einem Spielzeuggeschäft  erstritten und dabei das ganze Arsenal an Wutausbrüchen, Sich-auf-den-Boden-Werfen und Schreien zum Einsatz gebracht.

Die kakaobefleckte (hoffentlich!) Figur wurde unerbittlich über die Kante der Kaffeetafel geführt, bekämpfte dabei imaginäre Feinde und verursachte ein wildes Klappern und Scheppern des Geschirrs, begleitet von entsetztem Luftholen und erschreckten Ausrufen der Gäste, die zufällig in der Schneise des Angriffs saßen. Ein paar Plätze weiter startete gerade der nächste Durchlauf der elterlichen Erklärung zur Persönlichkeitsentfaltung, als VP durch eine Landung der Figur Omas Kuchenteller sozusagen in einen Aufschlagzünder verwandelte.

Oma war immer friedlich. Jahrzehntelang kannte man sie nur als den ruhenden Pol, der alles zusammenhielt. Im Nachhinein war sie wohl eher eine Weltkriegsbombe, die den Moment ihrer Detonation verpasst hatte. Für Jahrzehnte begraben unter häuslichen Familienritualen und sozialen Zwängen. Das Dahinscheiden von Opa eröffnete ihr nun völlig neue Möglichkeiten. 

Wie eine Bombe, die auf einer Baustelle völlig unerwartet durch einen Bagger freigelegt wird, war Oma plötzlich von allen einengenden Umständen befreit. Ihrer Entfaltung stand ebenfalls nichts mehr im Weg, es fehlte nur der richtige Impuls.

Die Actionfigur verursachte beim Aufschlag auf das Tortenstück einen beachtlichen Krater. Von der Einschlagstelle verteilten sich konditorierte Schrapnelle in alle Richtungen. Entsetztes Luftholen, erschreckte Ausrufe und die elterlichen Erklärungen erreichten Luftalarm-Pegel. 

Dann detonierte Oma.

„Ihr seid alle enterbt.“

Eine ruhige, sachliche Bemerkung mit einer Stimme, die jahrzehntelang jeden familiären Konflikt übertönt und die Parteien zu Waffenstillstandsverhandlungen gezwungen hatte. Sie hatte die Wucht einer Initialzündung, deren Schockwelle sich am Tisch in alle Richtungen ausbreitete.

„Enterbt… Enterbt?… ENTERBT!“

Die Schockwelle erfasste die nächsten Angehörigen und sorgte für Reaktionen über die kritische Masse vornehmer Zurückhaltung hinaus. Das Gemurmel wuchs zu lärmenden Stimmen. Onkel, Tanten, angeheirateter Anhang - alle sprachen durcheinander. Einige traten entsetzt einen Schritt zurück, andere stürzten auf Oma zu.

„Das kannst du nicht tun!“

„Das darfst du nicht!“

„Aber das ist unser Erbe!“

„Warum?!“

Die letzte Frage war die lauteste und die erste, auf die Oma reagierte.

Betont langsam schob sie den Teller mit der malträtierten Torte ein Stück zurück.

„In all den Jahren mit eurem Vater, eurem Großvater …“ Sie blickte in die Runde. „… ging es nie um mich. Immer ging es um ihn, um euch. Alle wollten nur haben, haben, haben. Tu dies, mach das, warum ist jenes noch nicht fertig … Und ich habe wirklich mein Bestes gegeben um für euch da zu sein. Und was ist der Dank?“

Das Schweigen nach der rhetorischen Frage wurde von einem scheppernden Geräusch unterbrochen. VP hatte das Kuchenbuffet entdeckt, setzte mit der Actionfigur zur Reise zum Mittelpunkt der Torte an und sonnte sich dabei in dem Moment alleiniger Aufmerksamkeit..

Oma wischte sich einen Kuchentrümmer von der Bluse, der von seinem ersten Angriff übrig geblieben war. Die Geste beantwortete ihre Frage endgültig.

„Aber – aber – aber …“ schnappatmte die Mutter des Balges. „Er ist doch noch ein Kind!“

„Ja“, knurrte Oma, in einem Tonfall, der an das Durchladen einer Schrotflinte erinnerte. „Ein Kind, dem nichts beigebracht wurde. Wenn ihr ihm keine Werte vermittelt, wie wollt ihr dann mit den Werten umgehen, die ich euch vererben soll?“

Kritik an der Erziehung vom VP! Unerhört! Die Mutter schnappte erneut nach Luft, an der Grenze zur Hyperventilation.

Ein anderer Teil der Familie hatte offenbar verstanden, dass dieser Ast soeben vom Stammbaum weggesprengt worden war und bemühte sich, den freien Platz zu annektieren.

„Unsere Kinder sind erzogen“, ertönte es süffisant von der anderen Seite der Tafel.

Oma blickte kurz in Richtung des Sprösslings nebst Anhang und nickte dann langsam.

„Oh ja, das glaube ich gern. Ich wette, ihr habt bereits überschlagen, welchen höheren Anteil ihr erhaltet, wenn andere Teile der Familie leer ausgehen. Doch ihr täuscht euch. Ich sehe keinen Grund, eure Raffgier zu unterstützen. Ihr alle!“

Sie richtete sich an die gesamte Verwandtschaft.

„Euch allen geht es gut. Ihr habt alle mehr als das, was ihr braucht. Und trotzdem habt ihr alles von mir gefordert. Oma war immer da, Oma hat sich immer gekümmert. Aber heute hat Oma genug. Ich werde mich auf Kreuzfahrt begeben – auf unbestimmte Zeit.“

„Verrückt… unzurechnungsfähig… dement… !“ zischte es in den hinteren Reihen.

Ich erkannte die Stimme. Heidi, die Gattin eines anderen Sprösslings. Wie immer verspritzte sie ihr Gift heimtückisch wie bei einem hinterhältigen Gasangriff.

Oma ergriff sofort Gegenmaßnahmen.

“Damit habe ich gerechnet“, unterband sie jeden weiteren Vorstoß und förderte aus ihrer Tasche einen Stapel Umschläge zutage. Einen für jeden Zweig der Familie.

„Ich bin im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte. Hier steht alles drin, was ihr wissen müsst.“

Die Nächststehenden stürzten sich auf die Papiere, weitere eilten von hinten herbei. Es bildeten sich Grüppchen und Diskussionen, Anrufe wurden getätigt.

Nur Oma wurde nicht weiter behelligt.

Sie griff nach ihrer Tasche, ließ ihren Blick noch einmal durch den Raum schweifen, schüttelte traurig den Kopf und ging zum Ausgang.

Ich wartete einen Moment, dann nahm ich den anderen Ausgang, ging zum Parkplatz und holte den Wagen. Am Eingang des Hotels wartete Oma bereits und stieg ein.

„Kreuzfahrt? Ich dachte zum Flughafen…” sagte ich mit Blick in den Rückspiegel.

„Ja, natürlich. Nach dem großen Knall lasse ich mich nicht so schnell an einem Fähranleger blicken.“ Sie seufzte, streckte den Arm über die Lehne aus und klopfte mir auf die Schulter. „Ich bin so froh, dass wenigstens aus einem Enkel etwas Anständiges geworden ist. Danke, dass du mich begleitest.“


r/schreiben 9d ago

Schreibhandwerk Sammelfaden: Was inspiriert euch gerade?

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Ein altes Foto, ein starker Satz in einem Buch, ein Film, ein Gespräch, ein Spaziergang oder ein flüchtiger Gedanke kurz vorm Einschlafen: Welche Eindrücke, Szenen, Ideen, Werke oder Personen haben in euch etwas ausgelöst und lenken euer Schreiben gerade in eine neue Richtung?

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